Ampère, A.M., Natürliches System aller Naturwissenschaften. Eine Begegnung deutscher und französischer Speculation., 1844

Bibliographic information

Author: Ampère, A.M.
Title: Natürliches System aller Naturwissenschaften. Eine Begegnung deutscher und französischer Speculation.
Year: 1844
City: Stuttgart
Publisher: Ebner & Seubert
Number of Pages: 130

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Copyright: Max Planck Institute for the History of Science (unless stated otherwise)
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Table of contents
1. Page: 0
2. Natürliches Syſtem aller Naturwiſſenſchaften. Eine Begegnung deutſcher und franzöſiſcher Speculation. Aus dem Franzöſiſchen des A. M. Ampère im Auszug bearbeitet und mit critiſchen Noten begleitet von Dr. G. Widenmann, practiſchem Arzt. Stuttgart. Verlag von Ebner & Seubert. 1844. Page: 3
3. Einleitung des Herausgebers. Page: 5
4. Inhaltsanzeige. Page: 13
5. Ampère’s Begriff einer Claſſification Alles Wiſſens überhaupt und eines natürlichen Syſtems Alles Wiſſens insbeſondere. Page: 15
6. Plan des Werks. Page: 25
7. Eintheilungsprincip Ampère’s und die Art, wie er es entdeckte. Page: 31
8. Buſatz Ampère’s zu ſeinem Eintheilungsprincip. Page: 45
9. Ampère’s natürliche Claſſification aller Uatur- wiſſenſchaften. Erſtes Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, welche es nur mit den Begriffen von Maas und Größe zu thun haben. Page: 55
10. §. 1. Wiſſenſchaften der erſten Ordnung, welche ſich auf das Meſſen der Größen im Allgemeinen beziehen. Page: 55
11. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Arithmographie. Page: 56
12. 2) Mathematiſche Analhſe. Page: 57
13. 3) Theorie der Functionen. Page: 58
14. 4) Theorie der Wahrſcheinlichkeitsrechnung. Page: 58
15. b) Claſſification. Page: 59
16. Anmerkungen Ampère’s. Page: 59
17. §. 2. Wiſſenſchaften dritter Ordnung, welche ſich mit dem Meſſen und den Eigenſchaften der ausgedehnten Größen beſchäftigen. Page: 64
18. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Synthetiſche Geometrie. Page: 65
19. 2) Analytiſche Geometrie. Page: 65
20. 3) Theorie der Linien und Flächen. Page: 65
21. 4) Moleculärgeometrie.) Page: 66
22. b) Claſſification. Page: 67
23. Anmerkung des Herausgebers. Page: 67
24. §. 3. Wiſſenſchaften dritter Ordnung, welche ſich auf die allgemeinen Beſtim-mungen der Bewegungen und Kräfte beziehen. Page: 68
25. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Cinematik. Page: 68
26. 3) Dynamik. Page: 71
27. 4) Molecularmechanik. Page: 71
28. b) Claſſification. Page: 72
29. §. 4. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, die ſich mit der Beſtimmung der wirklich im Raum exiſtirenden Bewegungen und Kräfte beſchäftigen. Page: 73
30. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Uranographie. Page: 73
31. 2) Helioſtatik. Page: 74
32. 3) Aſtronomie. Page: 74
33. 4) Mechanik des Himmels. Page: 75
34. b) Claſſification. Page: 75
35. §. 5. Definition und Eintheilung der Wiſſenſchaften erſter Ordnung, welche der Beobachtung nur die Begriffe von Größe und Maas entnehmen. Page: 76
36. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Arithmologie. Page: 76
37. 2) Geometrie. Page: 77
38. 3) Mechanik. Page: 78
39. 4) Uranologie. Page: 79
40. b) Claſſification. Page: 79
41. Zweites Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, melche die unorganiſchen Eigen- ſchaften der Körper und ihre Anordnung auf dem Erdball zum Gegenſtand haben. Page: 81
42. §. 1. Wiſſenſchaften dritter Ordnung, die es mit ben unorganiſchen Eigen-ſchaften der Körper und mit den Erſcheinungen zu thun haben, die ſie bei einer allgemeinen Betrachtung zeigen. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Experimentalphyſik. Page: 81
43. 2) Chemie. Page: 82
44. 3) Stereonomie. Page: 82
45. 4) Atomologie. Page: 82
46. b) Claſſification. Page: 83
47. §. 2. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, die ſich mit den Arbeiten beſchäfti-gen, mittelſt deren wir die Körper auf die unſerem Nutzen und unſerem Vergnügen angemeſſenſte Weiſe beſchäftigen. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Technographie. Page: 83
48. 2) Induſtrielle Gewinnlehre (Cerdoriſtik). Page: 83
49. 3) Induſtrielle Oeconomie. Page: 83
50. 4) Induſtrielle Phyſik. Page: 84
51. b) Claſſification. Page: 84
52. §. 3. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, die ſich auf die Zuſammenſetzung der Erde, auf die Natur und Anordnung ihrer verſchiedenen Beſtandtheile beziehen. Page: 84
53. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Phyſiſche Geographie. Page: 84
54. 2) Mineralogie. Page: 85
55. 3) Geonomie. Page: 86
56. 4) Theorie der Erde. Page: 86
57. b) Claſſification. Page: 86
58. §. 4. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, welche unterſuchen, wie die auf der Oberfläche und in der Tiefe der Erde befindlichen Materien herbeizuſchaffen ſind, um auf die möglichſt vortheilhafte Art bearbeitet zu werden. Page: 86
59. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Grubenbau. Page: 87
60. 2) Probirkunſt. Page: 87
61. 3) Oryxionomie. Page: 87
62. 4) Mineralphyſik. Page: 87
63. b) Claſſification. Page: 87
64. §. 5. Definitionen und Eintheilung der Wiſſenſchaften erſter Ordnung, welche die unorganiſchen Eigenſchaften der Körper und die Anordnung der letz-tern auf und in der Erde zum Inhalt haben. Page: 88
65. a) Aufzählung und Claſſification. 1) Allgemeine Phyſik. Page: 88
66. 2) Technologie. Page: 89
67. 3) Geologie. Page: 89
68. 4) Oryctotechnie. Page: 90
69. b) Claſſification. Page: 91
70. Drittes Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, die ſich auf lebendige Weſen, Pflanzen und Thiere beziehen. Page: 91
71. §. 1. Wiſſenſchaften britter Ordnung, enthaltend die Kenntniß der Pflanzen und der Lebenserſcheinungen dieſer zwar organiſirten, aber der Empfin-dung und freien Bewegung entbehrenden Weſen. Page: 92
72. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Phytographie. Page: 92
73. 2) Phytctomie. Page: 92
74. 3) Phytonomie. Page: 92
75. 4) Pflanzenphyſiologie. Page: 93
76. b) Claſſification. Page: 93
77. §. 2. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, enthaltend die Arbeiten, mittelſt deren wir die Pflanzenwelt zu unſerem Nutzen und Vergnügen tauglich machen. Page: 93
78. §. 3. Wiſſenſchaften der dritten Ordnung, ſich beziehend auf die Kenntniß der Thiere und ſämmtliche Lebenserſcheinungen dieſer mit Empfindung und freier Bewegung begabten Weſen. Page: 94
79. §. 4. Wiſſenſchaften dritter Ordnung, welche ſich auf die Benützung der Thiere beziehen. Page: 94
80. §. 5. Definitionen und Eintheilung der Wiſſenſchaften erſter Ordnung, die ſich auf die lebenden Weſen, Pflanzen und Thiere beziehen. a) Aufzählung und Definitionen. 1) Botanik. Page: 95
81. 2) Agricultur. Page: 95
82. 3) Zoologie. Page: 95
83. 4) Zootechnie. Page: 96
84. b) Claſſification. Page: 96
85. Viertes Kapitel. Mediciniſche Wiſſenſchaften, oder Cosmologiſche Wiſſenſchaften, melche theils auf die äußern und innern Einflüſſe und Um- ſtände ſich beziehen, durch welche in den Thieren der normale Hergang der Lebenserſcheinungen erhalten, verändert, wieder- hergeſtellt oder zerſtört wird, theils auch von den durch dieſe Einflüſſe hervorgebrachten Abweichungen ſelbſt handeln. Page: 98
86. Fünftes Kapitel. Definitionen und Eintheilung der verſchiedenen Provinzen der cosmologiſchen Wiſſenſchaften. A. Aufzählung und Definitionen. Page: 102
87. 1) Die mathematiſchen Wiſſenſchaften. Page: 102
88. 2) Die phyſicaliſchen Wiſſenſchaften. Page: 103
89. 3) Die naturhiſtoriſchen Wiſſenſchaften. Page: 110
90. 4) Die mediciniſchen Wiſſenſchaften. Page: 112
91. B. Claſſification. Page: 112
92. Critik der Ampère’ſchen Claſſification. Page: 117
93. Die moderne Philoſophie oder Die Perſönlichkeit Gottes. Eine Kritik der Gottes-Lehre der modernen Philoſophie und ihrer Angriffe auf das chriſtliche Dogma von Immannel Paulus, Mitvorſteher und Lehrer der Philophie an der wiſſenſchaftl. Bildungsanſtalt auf dem Salon bei Ludwigsbnrg. gr. 8. geheftet. Preis fl. 2. oder Rthlr. 1. 6 ggr. Page: 145
94. Die ſechs Schöpfungstnge. Ein Beitrag zu Förderung wahrer Bildung von E. Ph. Paulus, Direktor der wiſſenſchaftlichen Bildungsanſtalt auf dem Salon bei Ludwigsburg. gr. 8. geheftet. Preis fl. 1. 12 kr. oder 18 ggr. Page: 145
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3
Natürliches Syſtem
aller
Naturwiſſenſchaften.
Eine Begegnung
deutſcher und franzöſiſcher Speculation.
Aus dem Franzöſiſchen des A. M. Ampère im Auszug bearbeitet
und
mit critiſchen Noten begleitet
von
Dr. G. Widenmann,
practiſchem
Arzt.
Stuttgart.
Verlag von Ebner & Seubert.
1844.
4
Gedruckt auf einer Schnellpreſſe bei K. Fr. Hering & Comp.
5
Einleitung des Herausgebers.
Gegen den überwiegenden Einfluß, den franzöſiſche Philo-
ſophie
und Geiſtesbildung im vorigen Iahrhundert auf Deutſch-
land
ausgeübt hat, bildet die Gegenwart einen ſeltſamen Contraſt,
da
man jetzt in Frankreich deutſche Philoſophie ſtudirt, in Deutſch-
land
aber von den Bewegungen der Philoſophie in Frankreich keine,
oder
nur höchſt oberflächliche Notiz nimmt.
Der Grund dieſer
Erſcheinung
liegt darin, daß ſeit 60 Iahren die deutſche Philoſophie
durch
die Größen ihrer Probleme und die Unermüdlichkeit ihrer
Forſchungen
eine gebietende Stellung in den Kreiſen der Wiſſenſchaft
errungen
hat, während die franzöſiſche Philoſophie, nach der Auf-
ſtellung
ihrer materialiſtiſchen Lehren, ſcheinbar keine weitere Ent-
wicklung
hatte.
Ich ſage ſcheinbar, denn es fand dennoch
eine
ſolche Fortentwicklung ſtatt, und das vorliegende Werk hat
den
Zweck, die neueſte Stufe dieſer Entwicklung in das verdiente
Licht
zu ſtellen.
Die neuere franzöſiſche Philoſophie hat, wie die neuere deutſche,
ihren
Urſprung in dem Umſchwung, den das Denken am Ende des
vorigen
Iahrhunderts erfahren, nachdem es Iahrhunderte lang in
ſpeciellem
Arbeiten und Lernen verſenkt war.
Man fing an, einen
6IV Ueberblick über das Ganze, die Grenzen und den Zuſammenhang
der
verſchiedenen Gebiete zu ſuchen, und die Philoſophie begann
nach
einer Weltanſchauung zu ſtreben, die Alles in ſich faſſen und
erklären
, und ebendamit von aller Autorität frei ſein ſollte.
Dieſe
neue
Tendenz mußte in verſchiedener Form ſich äußern, je nachdem
der
active organiſirende, der eigentlich ſpeculative Verſtand oder der
receptive
Verſtand überwog, der nur Gegebenes aufnimmt, ordnet
und
ſcharfſinnig combinirt.
Wenn das Erſtere, wie in Deutſchland, der Fall iſt, ſo legt der
Geiſt
vor Allem den Organismus ſeiner Denkverhältniſſe an die
Welt
der Objecte, und aus dem Verhältniſſe beider reſultirt die
weitere
Entwicklung.
Iſt der Organismus der Categorieen noch
unreif
und ſchief, ſo kann man auf zweierlei Arten verfahren.
Ent-
weder
geſteht man ſich offen den Widerſtreit zwiſchen Denken und
Sein
;
aber man gibt, getrieben von dem autonomiſchen Character
der
Zeit, dem erſteren Recht, vernichtet ſkeptiſch die reale Erkenntniß,
wie
Kant, und behauptet, wie Fichte, idealiſtiſch das Ich, als die
einzige
Realität.
Oder aber man fingirt gewaltſam eine Ueber-
einſtimmung
zwiſchen Denken und Welt;
man thut den empiriſchen
Thatſachen
ſo lange Zwang an, bis ſie in die unfertigen Categorieen
des
Geiſtes paſſen, wie Schelling und Hegel thaten.
Sie wollten
zwiſchen
der Philoſophie und Erfahrung eine Vermittlung finden;
aber dieſe Vermittlung iſt unmöglich, ſo lange nicht der richtige
Organismus
der Categorieen vollendet iſt.
Erſt dann wird das
Denken
auf ungezwungene Art mit der Welt in Einklang, und das
Eine, wahre reale Syſtem gefunden ſein.
Anders iſt die Sache im zweiten Fall. Wenn, wie bei den
Franzoſen
, das receptive Erkennen, die ſenſuale Richtung, das
Uebergewicht
hat, ſo geht der Verſtand, ohne critiſches Zagen an
die
objective Welt, und im Drang nach Einheit alles Wiſſens, will
er
ſie als ein Ganzes, als aus einem Guße entſtanden, begreifen.
7V So lang aber nicht durch Vollendung der empiriſchen Analyſe die
Mannigfaltigkeit
der Welt in eine alleserklärende Einheit verknüpft
iſt
, mußte die neue Weltanſchauung das Beſondere, ſtatt es zu
erklären
, ignoriren.
„Natur, „Materie” hieß der letzte Grund
alles
Daſeins;
aber nicht die ſenſualiſtiſche Färbung dieſer Begriffe,
ſondern
ihre Leerheit war ihr eigentlicher Mangel.
Man faßte
das
Ganze abſtract, und der Reichthum des Beſondern fiel als un-
organiſches
Aggregat auseinander.
Dieß iſt unter andern Formen
daſſelbe
Verhältniß, welches die deutſche Philoſophie in den Idea-
lismus
trieb;
aber der empiriſche Geiſt der Franzoſen ſchlug den
entgegengeſetzten
Weg ein, und warf ſich auf die Analyſe des Be-
ſondern
, und wenn in Deutſchland der Idealismus, ſeiner feind-
ſeligen
Stellung gegen die Welt der Objecte ungeachtet, doch immer
noch
Philoſophie war, ſo ſchien dieſe, die Bemühung um das All-
gemeine
, in Frankreich erloſchen, ſobald ſich der Geiſt ausſchließlich
zu
der empiriſchen Forſchung gewendet hatte.
Aber unter ver-
änderter
Geſtalt machte ſich auch in Frankreich das philoſophiſche
Bedürfniß
nach Einheit alles Wiſſens wieder geltend, indem man
die
Geſammtheit des beſondern in ein Ganzes zuſammenfaßte,
claſſificirte
, und dieſer ariſtoteteliſche Weg, von der Vielheit zur
Einheit
, iſt um nichts minder ſpeculativ, als der umgekehrte Weg,
den
man in Deutſchland einſchlug.
Um von dieſem Punkt aus die weiteren Phaſen der fran-
zöſiſchen
Philoſophie richtig zu beurtheilen, muß man im Auge
behalten
, daß man bei der Claſſification eines empiriſchen Materials
auf
doppelte Weiſe verfahren kann, auf künſtliche Art, wenn
man
einſeitig und willkührlich ausgewählte Merkmale zu Ein-
theilungsgründen
macht, oder auf natürliche Art, wenn man
den
ganzen Inhalt der einzutheilenden Objecte zur Grundlage der
Eintheilung
nimmt.
Dieſes, das natürliche Syſtem allein, läßt
den
wirklichen Organismus der Dinge erkennen, und iſt deßhalb
8VI ein ſpeculatives Syſtem. Dieſer Gegenſatz des künſtlichen und
natürlichen
Syſtems, den man bis jetzt blos bei den ſpeciellen Ein-
theilungen
der Naturreiche zu hören gewohnt war, tritt bei den
Franzoſen
in der Anwendung auf das Ganze des Wiſſens auf und
beſtimmt
die Perioden ihres ferneren Philoſophirens, ja er iſt,
weſentlich
betrachtet, daſſelbe, was in Deutſchland der Gegenſatz
des
ſubjectiven und des ſogenannten objectiven Idealismus iſt.
Wie in Deutſchland der ſubjective Idealismus dem objectiven
vorausging
, ſo mußten, der Natur der Sache nach, die künſtlichen
Syſteme
aller Wiſſenſchaften dem natürlichen Syſtem vorangehen.
Solche künſtlichen Syſteme finden wir bei Baco, bei den Encyclo-
pädiſten
, und Andern.
Das Système figuré des connaissances hu-
maines
, das an der Spitze der Encyclopädie ſteht, iſt nur eine Copie
von
Baco’s Eintheilung.
Den erſten Schritt zum natürlichen
Syſtem
hat Ampère gethan.
Er verwirft die künſtlichen Syſteme
Baco’s
und der Encyclopädie und erklärt es ausdrücklich für ſein
Hauptbeſtreben
, ein natürliches Syſtem alles Wiſſens aufzuſtellen.

Dadurch
iſt er nun ganz auf dem Boden der Speculation.
Ob
er
jenes Ziel erreicht habe, dieß auszumachen, iſt hier nicht der
Ort
;
aber der Leſer kann fragen, ob er auch der rechte Mann zu
einem
ſolchen Geſchäft geweſen ſei.
Es mögen darum einige No-
tizen
aus ſeinem Leben hier ihre Stelle finden.
Ampère iſt geboren im Iahr 1775. Mathematiſche Studien
bildeten
die Grundlage ſeiner Bildung.
Er wurde ſchon in jun-
gen
Iahren des mathematiſchen Wiſſens vollkommen Herr, be-
ſonders
auch der Anwendung der höheren Rechnungsarten auf
Mechanik
und Phyſik.
Seine Iugend fiel in die Zeit der Ent-
deckungen
Lavoiſier’s und Davy’s, er beſchäftigte ſich auch auf das
Eifrigſte
mit der Chemie und war Lehrer der letztern in Aix.
Später kam er als Profeſſor der höhern Analyſe nach Lyon, und
von
dort ging er nach Paris, wo er zuerſt Repetitor der Analyſe
9VII in der polytechniſchen Schule und ſpäter Profeſſor der Mathe-
matik
und Phyſik ebenbaſelbſt wurde.
Im Iahr 1814 trat er an
Boſſuet’s
Stelle in die Academie und ſtarb als Generalſtudien-
inſpector
.
Von ihm ſtammt das durch ſeine Allgemeinheit und
mathematiſche
Schärfe großartige Geſetz über die gegenſeitige An-
ziehung
und Abſtoßung zweier von electriſchen Strömungen be-
ſeelten
Metalldrähte.
Neben dieſen mathematiſchen und phyſica-
liſchen
Studien zieht ſich aber durch ſein ganzes Leben ein unge-
meines
Streben nach allgemeinem Wiſſen.
In den meiſten Wiſſen-
ſchaften
war er Autodidact.
Er machte Studien in der Botanik
und
Zoologie, in den alten Sprachen, Geſchichte u.
ſ. f. ; er war
auch
Dichter, und von dem Iahr 1803 an, wo er ſchon in Paris
war
, beſchäftigte er ſich mit Pſychologie und Metaphyſik.
Seine
Genoſſen
in dieſen Beſtrebungen waren Cabanis, de Tracy, Dége-
rando
, Maine de Biron.
Er ſelbſt erzählt den Beginn ſeiner pſycho-
logiſchen
Studien mit den Worten:
c’est en 1803, que je commençai
à
m’occuper presque exclussivement de recherches sur les phénomènes
aussi
variés, qu’intéressants, que l’intelligence humaine offre à l’obser-
vation
, qui saitse soustraire à l’influence des habitudes.

Im
Iahr 1820 war er ſchon daran, ein Schema der pſychologiſch-
metaphyſiſchen
Begriffe zu vollenden, als ihn die bekannte Oerſtedti-
ſche
Entdeckung zu phyſicaliſchen Unterſuchungen rief, in Folge
deren
er ſpäter das vorerwähnte wichtige Geſetz fand.
Dieß Schema
der
metaphyſiſchen Grundbegriffe iſt auch in unſerem Werke im
Auszug
gegeben und ſteht in genauem Zuſammenhang mit den
vier
Geſichtspunkten, welche nach Ampère den Schlüſſel zu der
ganzen
encyclopädiſchen Eintheilung des menſchlichen Wiſſens bil-
den
.
Den erſten Verſuch des natürlichen Syſtems aller Wiſſen-
ſchaften
hatte er ſchon im Iahr 1804 entworfen.
Den Abriß
des
vollendeten Syſtems gibt das im Iahr 1834 erſchienene Werk:
Essai sur la philosophie des sciences, das wir hier im Auszug
10VIII mittheilen, welches aber nur den erſten Theil, die Naturwiſſen-
ſchaften
, in encyclopädiſcher Eintheilung, enthält, da er an der
Herausgabe
des zweiten Bandes, welcher die geiſtigen Wiſſenſchaften
enthalten
ſollte, durch den Tod verhindert wurde.
So ſchloß er
alſo
mit dem, was ſchon ſeine früheſten Iahre beſchäftigt hatte;
denn
als
Knabe ſchon hat er die Encyclopädie mit Begierde verſchlungen
und
wußte ſie faſt auswendig;
und es beſtätigt ſich alſo an ſeiner
perſönlichen
Entwicklung die aufgeſtellte Behauptung, daß ency-
clopädiſche
Zuſammenfaſſung des empiriſchen Materials die Grund-
lage
geworden ſei für die weitere Entwicklung der franzöſiſchen
Philoſophie
.
Ampère iſt der originelle franzöſiſche Philoſoph, der in
der
nationalen Fortbildung der franzöſiſchen Philoſophie den letzten
wichtigen
Knotenpunkt bildet, nicht Couſin, nicht dieſe Eklectiker in
Frankreich
, welche an dem Tiſch der deutſchen Philoſophie hungrig
ſchmarotzen
.
Dieß letztere iſt auch ganz überflüſſig, da die fran-
zöſiſche
Philoſophie nur durch ihre Methode einen Gegenſatz macht
gegen
die deutſche, während ſie ſich, den Reſultaten nach, auf ihrem
ſelbſtſtändigen
Wege der deutſchen Philoſophie in kühner Weiſe
nahe
kommt.
Durch eine empiriſche Grundlage traten dem fran-
zöſiſchen
Philoſophiren die verſchiedenen Weltgebiete, deren Unter-
ſchied
der abſtracte Materialismus vernichtet hatte, wieder deutlich
auseinander
, und dennoch werden, durch die Conſequenz der na-
türlichen
Eintheilung, ſämmtliche Gebiete wieder auf einen oberſten
Punkt
bezogen.
Ia der Alles beherrſchende Eintheilungsgrund,
der
ſämmtliche Gebiete in eine Einheit verknüpft, und mittelſt deſſen
dieſelben
wieder auf aprioriſche Weiſe abgeleitet werden können,
liegt
bei Ampère in der nothwendigen Stufenfolge der menſchlichen
Erkenntniß
, und ſo iſt alſo bei ihm das Geſetz des Denkens
auch
das Geſetz, wornach ſich die Welt in ihre ver-
ſchiedenen
Gebiete zerlegt
ein Satz, wodurch die fran-
11IX zöſiſche Philoſophie vollſtändig mit den objectiv-idealiſtiſchen Sy-
ſtemen
Deutſchlands zuſammentrifft.
Trotz aller Aehnlichkeit in den Reſultaten jedoch iſt die Art,
wie
er dazu kam, originell franzöſiſch.
Ein univerſeller Wiſſens-
durſt
treibt Ampère in alle ſpecielle Gebiete, in allen Fächern
macht
er ſeine empiriſchen Studien, und erſt nachdem er ſich dieſe
Totalität
des Stoffes errungen, macht ſich hintenher das
Bedürfniß
bemerklich, denſelben überſichtlich zu ordnen.
Er greift
nach
den Claſſificationen ſeiner Vorgänger, aber ſie verletzen ſein
Wahrheitsgefühl
, indem ſie den Beſtimmungen und Definitionen,
die
er aus ſeinen beſondern Forſchungen gewonnen, wider-
ſprechen
.
Er wirft die Objecte und Gebiete ſo lange hin und her,
bis
ſie endlich in einer Ordnung erſcheinen, die mit ſeinem empi-
riſchen
Wiſſen von ihnen übereinſtimmt.
Aber noch fehlt es
ihm
an einem Schlüſſel, welcher das ganze Syſtem beherrſcht.
Zufällig entdeckt er, daß auch die höheren und höchſten Grup-
pen
auf dieſelbe Weiſe ſich unter einander gliedern, wie die ver-
ſchiedenen
Geſichtspunkte, nach welchen die Erkenntniß einen ſpe-
ciellen
Gegenſtand ſtufenmäßig auffaßt und begreift.
So hat alſo
Ampère
wohl am Ende ein natürliches Syſtem, er hat für daſſelbe
in
den Categorien des Denkens die beherrſchende Einheit gefun-
den
, aber es iſt ein zufälliges geniales Aperçu, und das erſte trei-
bende
Motio war zunächſt blos das Streben nach Totalität des
Materials, des gegebenen Stoffes.
Wenn ein Deutſcher
einen
ſolchen Fund macht, ſo bringt er denſelben in Beziehung
mit
den höchſten Fragen des Daſeins, er glaubt auf heiligem
Boden
zu ſtehen;
der franzöſiſche Ampère dagegen ſetzt pünktlich
die
Vortheile auseinander, welche aus einem natürlichen Syſtem
für
das practiſche Leben entſpringen, wie man durch daſſelbe be-
fähigt
werde, eine Bibliothek zweckmäßig zu ordnen, oder die Lehr-
curſe
einer Bildungsanſtalt, die Sectionen einer gelehrten Körper-
12X ſchaft ſachgemäß einzutheilen. So machen die verſchiedenen Be-
rufe
der beiden Nationen da am ſchärfſten ſich geltend, wo ſie der
Sache
nach in Eins zuſammentreffen.
Bei dem nachſtehenden Auszug des Ampère’ſchen Werkes
ſchien
es mir zweckmäßig, von der Ordnung des Originals ab-
zuweichen
.
Ich beginne mit dem Begriff des natürlichen
Syſtems
, welchen Ampère in der Einleitung ſeines Werks
aufſtellt
.
Dann werde ich das eigenthümliche Eintheilungsprincip,
welches
dem Ampère’ſchen Syſtem zu Grunde liegt, und den Weg,
wie
Ampère daſſelbe entdeckt hat, und die verſchiedenen weitgreifen-
den
Anwendungen, welche er von demſelben macht, auseinander-
ſetzen
, und zu dieſem Ende den weſentlichen Inhalt der Vorrede
Ampère’s
und einer vor dem eigentlichen Texte des Werks ſtehenden
Note
wiedergeben.
Auf dieſe Darſtellung des Grundprincips ſeines
Syſtems
laſſe ich dieſes ſelbſt folgen, ſo weit es in dem vorliegenden
Werke
enthalten iſt, und den Schluß des Ganzen bilden critiſche
Bemerkungen
über Ampère’s Syſtem und die wichtigen Beziehun-
gen
, welche daſſelbe zur gegenwärtigen Phaſe der deutſchen Phi-
loſophie
hat.
13
Inhaltsanzeige.
11
# Seite
Einleitung
des Verfaſſers # V-XII
Ampère’s
Begriff einer Claſſification alles Wiſſens überhaupt und
# eines natürlichen Syſtems alles Wiſſens ins Beſondere # 1
Plan
des Werks # 11
Eintheilungsprincip
Ampère’s und die Art, wie er es entdeckte # 17
Ampère’s
Zuſatz zu ſeinem Eintheilungsprincip # 31
Ampère’s
natürliche Claſſification aller Wiſſenſchaften # 41
Erſtes Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, welche es nur
# mit den Begriffen von Größe und Maas zu thun haben # 41
Zweites Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, welche die
# unorganiſchen Eigenſchaften der Körper und ihre Anordnung
# auf dem Erdball zum Gegenſtand haben # 66
Drittes Kapitel. Cosmologiſche Wiſſenſchaften, die ſich auf
# lebendige Weſen, Pflanzen und Thiere, beziehen # 77
Viertes Kapitel. Mediciniſche Wiſſenſchaften # 84
Fünftes Kapitel. Definitionen und Eintheilung der verſchie-
# denen Provinzen der cosmopolitiſchen Wiſſenſchaften # 88
Tabelle
aller Naturwiſſenſchaften erſter Ordnung # 102
Critik
der Ampère’ſchen Claſſification # 103
14
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151
Ampère’s Begriff einer Claſſification Alles Wiſſens überhaupt und
eines natürlichen Syſtems Alles Wiſſens insbeſondere.
Sobald der Menſch über einen Gegenſtand ſich eine
Anzahl
von Begriffen gebildet hat, ſo fühlt er das Bedürf-
niß
, ſie nach einer beſtimmten Ordnung zuſammenzuſtellen,
um
dieſelben ſicherer zu beſitzen, um ſie wiederfinden und
andern
mittheilen zu können.
Dies iſt der Urſprung der
Eintheilungen
, welche außer den ebengenannten noch andere
Vortheile
gewähren.
Sie vermehren nämlich die Summe
unſeres
Wiſſens über irgend einen Gegenſtand, indem ſie
uns
nöthigen, denſelben von verſchiedenen Seiten zu be-
trachten
, und neue Beziehungen an ihm aufzuſuchen, die
außerdem
unentdeckt geblieben wären.
Längſt hat man den Vortheil eingeſehen, welchen eine
allgemeine
Eintheilung aller Wiſſenſchaften und Künſte haben
könnte
, und man kennt die Arbeiten, welche Baco, d’Alem-
bert
und viele Andere zu dieſem Zwecke unternommen haben.
Dieſe Verſuche hatten jedoch nicht den gewünſchten Erfolg,
wofür
ſich verſchiedene Gründe anführen laſſen.
Zu Baco’s
Zeit
war noch in keiner Wiſſenſchaft eine Claſſification,
welche
auf die wahren Beziehungen ihrer Gegenſtände ge-
gründet
geweſen wäre, und von einer natürlichen Einthei-
lung
hatte man keine Ahnung.
Wie Baco machten auch die
Späteren
ſich keine andere Aufgabe, als die Aggregate von
Kenntniſſen
, die der Zufall zuſammengeführt, und denen die
Laune
des Sprachgebrauchs Namen gegeben hatte, in eine
Ordnung
zu bringen.
Man ſah die doppelte Nothwendig-
keit
nicht ein, daß man zuerſt ſämmtliche Wahrheiten
162 auf die richtige Art gruppiren, und daß man jeder ſolchen
Gruppe
einen neuen Namen geben müſſe, wenn ſie noch
keinen
habe.
Zudem ging man von einem ganz willkürlichen
Eintheilungsprincip
aus.
So iſt es z. B. in dem von
Baco
entlehnten Schema Alles Wiſſens, das an der Spitze
der
Encyclopädie ſteht;
hier ſind drei oberſte Abtheilungen
gebildet
, entſprechend den drei Grundvermögen, auf welche
man
damals das geiſtige Leben des Menſchen glaubte zu-
rückführen
zu können:
Gedächtniß, Vernunft und Einbil-
dungskraft
.
Soll die darauf gebaute Eintheilung eine gute
ſeyn
, ſo dürfen zum Mindeſten nicht ganz heterogene Wiſ-
ſenſchaften
in dieſelbe Abtheilung zuſammengeſtellt werden,
noch
weniger dürfen ſolche, welche durch zahlreiche Analo-
gieen
einander nahe ſtehen, in ganz verſchiedene Abtheilungen
gebracht
werden.
Nun bedarf es aber blos eines Blicks auf jenes Sy-
ſtem
, um ſich zu überzeugen, wie ganz fremdartige Wiſſen-
ſchaften
neben einander ſtehen, die Beſchreibung der Mine-
ralien
, Pflanzen, Thiere, Elemente neben der politiſchen
Geſchichte
, während die Mineralogie, Botanik, Zoologie,
Chemie
, welche von den erſteren gar nicht oder höchſtens
durch
den Geſichtspunkt verſchieden ſind, unter denen man
ganz
gleiche Objekte betrachtet, in einer andern der drei
Hauptabtheilungen
, bei der Metaphyſik, Logik und Mathe-
matik
ſtehen.
Ebenſo unnatürlich iſt die Zoologie von der
Botanik
getrennt, und zwiſchen beide Wiſſenſchaften die
Aſtronomie
, die Meteorologie und Mineralogie eingeſchoben,
die
ihrerſeits wieder durch die Zoologie von den phyſikaliſch-
mathematiſchen
Wiſſenſchaften getrennt ſind.
Nicht bei allen Eintheilungen zeigen ſich vielleicht ſo
in
die Augen fallende Anomalieen, aber überall kommen
Zuſammenſtellungen
vor, deren Grund man nicht abſieht,
überall
werden Wiſſenſchaften von einander getrennt, deren
Aehnlichkeit
vor Augen liegt.
Manchmal geht die Ver-
wirrung
wirklich ins Abenteuerliche.
So ſteht z. B. in
173 einer ganz neuen Eintheilung die Mathematik zwiſchen der
Chemie
und Anatomie;
die Phyſik, welche doch die Mathe-
matik
ſo nöthig hat, ſteht vor dieſen Wiſſenſchaften, und
hinter
der Zoologie und Botanik;
ſie iſt durch dieſe beiden
von
der Mineralogie und Geologie getrennt, die doch mit
der
Phyſik in ſo naher Beziehung ſtehen.
Die Aſtronomie
endlich
, die noch enger mit der Mathematik verwandt, ja
nur
eine unmittelbare Anwendung derſelben iſt, ſteht am
Anfang
des ganzen Syſtems, weil ſie die einfachſte und
am
leichteſten zu faſſende Wiſſenſchaft ſei;
und das
nennt
der Verfaſſer „die Wiſſenſchaften in natürliche Fa-
milien
zuſammenſtellen, um leicht von einer zur andern
übergehen
zu können, und ſich ſo wenig als möglich wie-
derholen
zu müſſen.
Nach ſo vielen unglücklichen Verſuchen iſt man bis
jetzt
erſt in den naturhiſtoriſchen Wiſſenſchaften zu Einthei-
lungen
gekommen, welche eine ſtrengere Prüfung aushalten
können
;
auch liegt es in der Natur der Sache, daß gerade
dieſe
zuerſt einen gewiſſen Grad von Vollendung erreichten,
weil
die in denſelben betrachteten Gegenſtände ſcharf be-
ſtimmte
Charaktere an ſich tragen, die man nur ausſprechen
darf
, um die Gruppen zu einem natürlichen Syſteme zu
haben
.
Will man aber in das ungeheure Reich des menſch-
lichen
Wiſſens eine Ordnung bringen, ſo liegt die Schwie-
rigkeit
darin, zu beſtimmen, was man unter einer Wiſſen-
ſchaft
verſteht.
Man trennt gewöhnlich die Wiſſenſchaften von den
nſten.
Dieſer Unterſchied beruht darauf, daß in den
Wiſſenſchaften
der Menſch blos erkennt, bei den Künſten
aber
erkennt und handelt;
denn wenn der Phyſiker die Ei-
genſchaften
des Goldes erkennt, ſeine Schmelzbarkeit, ſeine
Hämmerbarkeit
u.
ſ. f. , ſo muß auch der Goldarbeiter ſei-
nerſeits
die Mittel kennen, daſſelbe zu gießen, zu ſchlagen,
in
Draht zu ziehen u.
ſ. f. , in dem einen, wie in dem an-
dern
Fall findet alſo Erkenntniß ſtatt.
Handelt es ſich
184 alſo um eine Eintheilung aller Wahrheiten, ſo giebt es
keinen
weſentlichen Unterſchied zwiſchen Künſten und Wiſ-
ſenſchaften
, und die erſteren müſſen ebenſogut in die Ein-
theilung
aufgenommen werden, wie die andern.
Die Künſte
haben
jedoch nur inſofern eine Stelle in der Claſſification,
als
man das Verfahren und die Inſtrumente kennen
lernt
, die dabei in Anwendung kommen, und gänzlich ab-
ſieht
von der praktiſchen Ausübung;
denn dieſe hängt von
der
Geſchicklichkeit des Arbeiters ab, und hat nichts zu
ſchaffen
mit den mehr oder weniger vollſtändigen Kennt-
niſſen
, die er erworben, da ihn dieſe nur zu einem wiſ-
ſenſchaftlich
gebildeten
Arbeiter machen.
In Beziehung auf die Erkenntniß iſt alſo jede Kunſt
und
jede Wiſſenſchaft eine Gruppe von Wahrheiten, welche
durch
die Vernunft bewieſen, durch äußere oder innere Er-
fahrung
gewonnen werden, und durch einen gemeinſamen
Charakter
verbunden ſind, mag nun dieſer darin beſtehen,
daß
man es mit gleichartigen Gegenſtänden zu thun, oder
daß
man verſchiedene Gegenſtände unter demſelben Geſichts-
punkt
betrachtet.
Man kann ſagen, der Philoſoph müſſe bei der Ein-
theilung
alles Wiſſens die einzelnen Wahrheiten als das
anſehen
, was für den Naturhiſtoriker die verſchiedenen Arten
von
Pflanzen und Thieren ſind.
Wie dieſer die nächſtſte-
henden
Arten in Gattungen, die ähnlichſten Gattungen in
Familien
, die Familien in Ordnungen, die Ordnungen in
Claſſen
u.
ſ. f. gruppirt, ſo muß der Philoſoph aus den
Wahrheiten
, die er eintheilen will, Gruppen von verſchie-
denen
Ordnungen und Graden bilden.
Die Gruppen, welche
die
einander am nächſten ſtehenden Wahrheiten enthalten,
werden
den Gattungen der Naturgeſchichte entſprechen, und
Wiſſenſchaften
der niederſten Ordnung heißen.
Dieſe werden
in
Wiſſenſchaften der nächſt höheren Ordnung vereinigt, wie
die
Gattungen in Familien.
Mehrere ſolcher Wiſſenſchaften
zuſammen
, bilden abermals eine Wiſſenſchaft von noch aus-
195 gedehnterem Umfang, welche den Ordnungen entſpricht, und
ſo
immer höher hinauf, bis man endlich zu den zwei großen
Hauptabtheilungen
aller Wahrhciten, Natur und Geiſt,
kommt
, wie die Naturgeſchichte zuletzt bei der oberſten Zwei-
theilung
, Thier- und Pflanzenreich, anlangt.
Wir ſehen bei der Claſſification der natürlichen Arten
ein
doppeltes Moment:
1) Vereinigung der Arten zu Gat-
tungen
, 2) Claſſification der Gattungen;
ebenſo haben wir
auch
bei Eintheilung aller Wahrheiten ein doppeltes Ge-
ſchäft
;
1) Vereinigung dieſer Wahrheiten in Wiſſenſchaften
der
unterſten Ordnung, 2) Eintheilung dieſer Wiſſenſchaften.
Wären, wie es bei den Pflanzen durch Bernard de Iuſſieu
geſchehen
iſt, die menſchlichen Erkenntniſſe ſchon in Wiſſen-
ſchaften
von weiterem Umfang, entſprechend den Pflanzen-
familien
vereinigt, ſo würde nur noch die Eintheilung dieſer
Wiſſenſchaften
zu finden ſein, wie das Werk Iuſſieu’s durch
den
Erben ſeines Namens und Genies in der Claſſification
der
Familien vollendet wurde.
Werden mehrere Wiſſenſchaften einer gewiſſen Ordnung
in
eine Wiſſenſchaft der nächſt höhern Ordnung zuſammen-
gefaßt
, ſo kann der Unterſchied zwiſchen denſelben ein dop-
pelter
ſein:
entweder enthält die niedere Wiſſenſchaft nur
einen
Theil der Gegenſtände, welche in der höheren zu einer
Geſammtheit
vereinigt ſind, oder aber enthält jede niedere
die
Geſammtheit der Objecte, aber nur unter einem beſon-
dern
Geſichtspunkt.
Der erſte Fall findet z. B. ſtatt, wenn
man
die Zoologie in die Lehre von den Säugethieren, Vö-
geln
, Inſekten u.
ſ. f. trennt; der zweite Fall findet ſtatt,
wenn
man ſagt, die Zoologie beſteht aus der Zoographie,
aus
der vergleichenden Anatomie u.
ſ. f. , wo jede Wiſſen-
ſchaft
das ganze Thierreich, aber nur aus einem beſondern
Geſichtspunkt
umfaßt.
Man hat natürliche und künſtliche Syſteme unterſchie-
den
.
Bei dieſen letzteren reichen einige willkührlich gewählte
Merkmale
hin, für jeglichen Gegenſtand die Stelle im Sy-
206 ſtem zu beſtimmen; die übrigen läßt man fallen, und ſo
werden
oft die Gegenſtände auf die ſonderbarſte Weiſe zu-
ſammengeſtellt
oder von einander getrennt.
Bei den natür-
lichen
Eintheilungen dagegen werden alle weſentlichen Cha-
ractere
eines Gegenſtandes zuſammengefaßt und die Bedeu-
tung
derſelben gegen einander abgewogen;
und dies Geſchäft
iſt
erſt dann zu Ende, wenn die Gegenſtände, welche die
größſte
Aehnlichkeit zeigen, auch am nächſten beiſammen
ſtehen
;
deßgleichen die Gruppen, die man aus jenen Ob-
jecten
bildet;
und wenn von einer Gruppe zur nächſtſtehen-
den
ein gewiſſer Uebergang nachgewieſen werden kann.
Da die künſtlichen Syſteme auf willkührlich gewählte
Charactere
ſich ſtützen, ſo kann man ſolche nach Laune und
Belieben
aufſtellen.
Weit entfernt aber, zu dem Fortſchritt
der
Wiſſenſchaften etwas beizutragen, bringen dieſe Syſteme,
die
wie die Wellen des Meeres kommen und gehen, nichts
als
Verwirrung in unſer Wiſſen.
Wer ihnen folgt, richtet
ſeine
Aufmerkſamkeit blos auf die Seite der Objecte, welche
bei
der Eintheilung zur Sprache kommen.
Die natürlichen
Eintheilungen
dagegen faſſen das Ganze der Gegenſtände
ins
Auge, ſie nöthigen uns dadurch, dieſelben nach allen
Seiten
und Beziehungen zu unterſuchen, und führen uns
hiermit
zu der möglichſt umfaſſenden Kenntniß einer Sache.
Dieſe Nothwendigkeit, die Objecte ganz zu erſchöpfen,
iſt
der Grund davon, daß wir dieſe Eintheilungen ändern
müſſen
, ſobald wir neue Beziehungen entdecken, und dieſe
Aenderungen
bringen das Syſtem ſeiner Vollendung immer
näher
.
Bei einem künſtlichen Syſteme iſt man Herr über
die
Beſtimmungen deſſelben, wählt nach Belieben die Cha-
ractere
der oberſten Abtheilungen, dann die für die Unter-
abtheilungen
, während der Gründer eines natürlichen Sy-
ſtems
bei den letzten Unterabtheilungen beginnen muß, die
nur
aus wenigen Individuen beſtehen, und deren Aehnlich-
keiten
am meiſten in die Augen fallen und am leichteſten
zu
beſtimmen ſind.
Durch Zuſammenſtellung dieſer niederſten
217 Unterabtheilungen nach demſelben Geſetz der größten Ver-
wandtſchaft
, kommt er zu den nächſt höheren Abtheilungen,
und
ſo am Ende zu den Hauptabtheilungen, mit welchen der
künſtliche
Eintheiler begonnen hatte.
Erſt wenn dieß geſche-
hen
iſt, kann er die Charactere für jede Gruppe beſtimmen.
Wir haben bereits oben die beiden Momente erwähnt,
durch
welche ſich eine Wiſſenſchaft beſtimmen und gegen an-
dere
abgrenzen läßt, nemlich 1) die Natur der Objecte, die
man
erforſcht, 2) die Geſichtspunkte, unter welchen dieß ge-
ſchieht
.
Man könnte glauben, nur die Natur der Objecte
brauche
berückſichtigt zu werden, da die Wahrheiten, die
man
eintheilen will, ſich zunächſt auf jene beziehen.
Aber
dieſe
Wahrheiten werden von dem menſchlichen Verſtand
erfaßt
;
die Wiſſenſchaften ſind für und durch den Menſchen,
und
dieß Alles nöthigt uns, auf die verſchiedenen möglichen
Geſichtspunkte
Rückſicht zu nehmen.
An zweierlei Characteren
alſo
kann man erkennen, ob die allgemeine Eintheilung alles
unſeres
Wiſſens in der That eine natürliche iſt, während
nur
Eine Art von Characteren, nemlich die von der Natur
der
Gegenſtände abhängigen, nothwendig ſind, um allein
die
Dinge ſelbſt einzutheilen.
Hinſichtlich der erſten Art
von
Characteren wird man die Eintheilung der Wiſſen-
ſchaften
für gelungen halten müſſen, wenn, (mit Ausnahme
des
Falls, wo die Natur der Wiſſenſchaft ſelbſt eine andere
Eintheilung
nöthig macht) die aus den zuſammengehörigen
Wahrheiten
gebildeten Gruppen ſo gebildet ſind, daß ſie mit
den
Gruppen der Gegenſtände ſelbſt zuſammenfallen, und daß
auch
die Anordnung der erſtgenannten Gruppen der natür-
lichen
Ordnung der letztern entſpricht.
Hinſichtlich der zweiten
Art
von Characteren, (der ſubjectiven) müſſen noch die
weiteren
Forderungen hinzugefügt werden, daß diejenigen
Wiſſenſchaften
in eine Gruppe vereinigt werden, mit deren
Inhalt
ſich dieſelben Menſchen beſchäftigen, da auch dieſer
Umſtand
auf eine Aehnlichkeit deutet, und daß ſie in me-
thodiſcher
Ordnung auf einander folgen.
Eine ſolche Ord-
228 nung wird dann ſtattfinden, wenn man bei Durchlaufung
des
Ganzen nie nöthig hat, bei andern Wiſſenſchaften Aus-
kunft
zu ſuchen, als bei ſolchen, welche ſchon weiter oben
abgehandelt
ſind.
Dieß wäre dann bei den Wiſſenſchaften
daſſelbe
, was Iuſſieu bei dem Pflanzenreich that;
er ſtellte
die
einfachſten Organiſationen voran und ſtieg ſtufenweiſe
zu
den verwickelteren auf.
Später hat man dieſe Ordnung
umgekehrt
und mit den vollkommeneren Organiſationen be-
gonnen
, und wenn es ſich um die natürliche Claſſification
der
organiſchen Reiche handelt, kann man füglich beide
Methoden
befolgen.
Bei der Claſſification des menſchlichen
Wiſſens
aber wird man nicht lange im Zweifel ſein, ob
man
bei den einfachen oder verwickeltſten Wiſſenſchaften an-
fangen
ſoll.
Dieſer Gedanke leitete mich bei den erſten Verſuchen
meiner
Arbeit, ehe ich noch ahnen konnte, wie weit ſie mich
führen
würde.
Ich ſah, daß man bei jeder natürlichen
Eintheilung
der Wiſſenſchaften mit den mathematiſchen an-
fangen
müſſe, weil dieſe, im Vergleich mit den andern, nur
eine
geringe Zahl einfacher Grundbegriffe, wie Größe, Aus-
dehnung
, Bewegung, Kraft u.
ſ. f. enthalten, ohne irgend
etwas
aus andern Wiſſenſchaften entlehnen zu müſſen.
Auf
die
Mathematik müſſen diejenigen Wiſſenſchaften folgen, die
es
mit den unorganiſchen Eigenſchaften der Körper zu thun
haben
;
denn für dieſe iſt bekanntlich die Mathematik die
einzige
Hülfswiſſenſchaft.
Dann erſt kommen die Wiſſen-
ſchaften
des organiſchen Lebens;
denn der Naturhiſtoriker
und
Arzt braucht oft die Mathematik und Phyſik, während
der
Mathematiker nie, der Phyſiker nur ſelten die natur-
hiſtoriſchen
Wiſſenſchaften zu Hülfe nehmen muß.
Unter
den
organiſchen Weſen aber iſt eines, das uns allein
ebenſo
ſehr in Anſpruch nimmt, als die ganze übrige Welt
zuſammen
, der Menſch;
und aus dem Studium deſſelben
entſpringen
die philoſophiſchen, moraliſchen und politiſchen
Wiſſenſchaften
.
239
Das Studium des Menſchen kann erſt nach dem Stu-
dium
der äußern Welt und Natur kommen, denn ſo gut
wir
uns des Auges bedienen, ohne ſeinen Bau und die
Natur
ſeiner Thätigkeiten zu kennen, ſo kann der Mathe-
matiker
, der Phyſiker, der Phyſiolog das philoſophiſche Stu-
dium
der Geiſtesvermögen entbehren, die bei den Meſſungen
des
Raums, bei der Beobachtung und Eintheilung der in
der
Welt befindlichen Weſen und Körper mitwirken.
Der
Philoſoph
dagegen muß wenigſtens überblicklich die Mathe-
matik
, die Phyſik und die naturhiſtoriſchen Wiſſenſchaften
inne
haben, denn dieſe geben ihm das Material für das
Studium
der menſchlichen Geiſtesvermögen, deren ſchönſte
Frucht
eben jene Wiſſenſchaften ſind;
in ihnen findet er die
Methode
, mittelſt deren der menſchliche Geiſt alle in denſel-
ben
enthaltenen Wahrheiten entdeckte, und welchen Vorſchub
leiſtet
ihm vor Allem die phyſiologiſche Kenntniß unſeres
Organismus
, die ja auch einen Theil der Naturwiſſenſchaft
bildet
, bei der Erforſchung der geiſtigen und ſittlichen Kräfte
im
Menſchen.
Dann können die Unterſuchungen der Hülfs-
mittel
folgen, durch welche ſich die Menſchen ihre Gedanken,
Gefühle
, Affecte u.
ſ. f. mittheilen. Hier iſt die Stelle für
das
Studium der Sprache, der Literatur und der freien
Künſte
, und vor Allem der größten von Allen, der Kunſt
den
Menſchen zu erziehen.
Daß dieſe Abtheilung auf die
Unterſuchung
der geiſtigen und ſittlichen Kräfte folgen
muß
, iſt leicht zu erſehen, ſobald man bedenkt, daß der Phi-
loſoph
die Sprache, die ihm zur feſten Bezeichnung ſeiner
Gedanken
allerdings unentbehrlich iſt, dennoch nicht anders
gebraucht
, als der Mathematiker die Denkgeſetze, und daß
weder
der eine noch der andere die Natur ſeines Mittels
und
Werkzeugs erforſcht zu haben braucht.
Umgekehrt aber
iſt
bei einem tieferen Studium der Mittel, durch welche ſich
der
Menſch ſeines Gleichen mittheilt, die Kenntniß ſeiner
geiſtigen
und ſittlichen Kräfte, der verſchiedenen Empfindun-
gen
, deren er fähig iſt, die Einſicht in die Art, wie er
2410 Gedanken bildet und verknüpft, unentbehrlich. Auf das
Studium
der Sprachen, der Literatur und freien Künſte
folgt
die Unterſuchung der menſchlichen Geſellſchaften, aller
Umſtände
und Thatſachen aus ihrer Vergangenheit und Ge-
genwart
, der Inſtitutionen, durch welche ſie regiert werden,
und
alles deſſen, was mit dieſen Dingen zuſammenhängt.
In einem ſolchen ungehemmten und ungezwungenen
Uebergang
von einer Wiſſenſchaft zur andern beſteht der
Character
einer guten und natürlichen Eintheilung;
und
man
wird in der angeführten Reihe von Wiſſenſchaften die
richtige
Ordnung des Stufengangs nicht verkennen.
Außer den vielen practiſchen Vortheilen, welche eine
wahrhaft
natürliche Eintheilung alles Wiſſens für literariſche,
pädagogiſche
und wiſſenſchaftliche Inſtitute hat, laſſen ſich
auch
Vortheile aufzählen, welche die Wiſſenſchaften ſelbſt
unmittelbar
betreffen.
Man weiß, wie dieſe entſtanden ſind,
und
daß nur zu oft der Zufall dabei ſein Spiel getrieben.
Diejenigen, welche alle auf einen Gegenſtand bezüglichen
Wahrheiten
in eine Wiſſenſchaft vereinigen wollten, ver-
mochten
es oft nicht, den ganzen Gegenſtand zu umfaſſen oder
ſich
in ſeinen Grenzen zu halten;
ſelten ſuchten ſie nach den
Beziehungen
zwiſchen den beſonderen Wahrheiten, die ihnen
vorlagen
, und dem Ganzen unſeres Wiſſens.
Daher kommt
es
, daß bei ſo vielen Wiſſenſchaften die Grenzen ſo ſchlecht
gezogen
ſind;
ſo hat man ſich z. B. , um die Algebra von
der
Arithmetik zu trennen, blos an einen künſtlichen Unter-
ſchiedsgrund
gehalten, nemlich die Verſchiedenheit der äußeren
Größenzeichen
, ſtatt auf den Grundcharacter Rückſicht zu
nehmen
, der auf der Natur der Operationen ſelbſt beruht,
und
der ſich erſt bei den Gleichungen weſentlich ändert.

Ebenſo
hat man die Cryſtallographie irriger Weiſe mit der
Mineralogie
verbunden;
ſie betrachtet alle Körper, welche
beſtimmte
Formen zeigen, ſie mögen nun durch die Natur
oder
die Kunſt hervorgebracht worden ſein;
ſie iſt eine rein
geometriſche
Wiſſenſchaft, und läßt auf die Mineralogie,
2511 welche ſich auf die von der Natur in vollſtändiger Form
gelieferten
Körper beſchränkt, durchaus keine weitere An-
wendung
zu, als alle übrigen Zweige der Mathematik auf
die
phyſiologiſchen und naturhiſtoriſchen Wiſſenſchaften.
Die
Mineralogie
ſelbſt vereinigt man gewöhnlich mit der Bo-
tanik
und Zoologie, unter dem Namen Naturgeſchichte;
ſie
darf
aber, wie ich am gehörigen Orte zeigen werde, nur
als
Theil der Geologie angeſehen werden;
in den medici-
niſchen
Wiſſenſchaften ſind die Grenzen der verſchiedenen
Theile
willkührlich beſtimmt, und öfters ganz verkannt;
man
iſt
z.
B. ſo weit gegangen, die Arzneimittellehre mit der
allgemeinen
Therapie in eine Wiſſenſchaft zuſammenzuwerfen,
als
ob die Kenntniß der allgemeinen Eigenſchaften der Arz-
neien
zuſammenfiele mit einer zweckmäßigen Anwendung
derſelben
in den Krankheiten.
Noch größer iſt die Verwir-
rung
in den philoſophiſchen Wiſſenſchaften;
die verſchiedenen
Namen
ihrer Unterabtheilungen ſind in ganz verſchiedenem
Sinne
genommen worden, je nachdem der Autor ein Syſtem
hatte
;
ſo iſt z. B. eine Wiſſenſchaft nach Einigen Theil einer
andern
, während andere Philoſophen dieſelbe zur allgemei-
neren
, höheren machen, welche die zweite als beſonderen
Zweig
in ſich begreift.
Plan des Werks.
Ich werde mich zuerſt mit den Gruppen ſolcher Wahr-
heiten
beſchäftigen, die ſowohl im Gegenſtand, als in dem
Geſichtspunkte
, unter welchem man denſelben auffaßt, über-
einkommen
.
Dieſe Gruppen, die den natürlichen Pflanzen-
und
Thierfamilien entſprechen, werde ich Wiſſenſchaften
dritter
Ordnung
nennen.
a) Ich werde nach der Reihe dieſe Wiſſenſchaften durch-
2612 gehen, ich werde ſie definiren, indem ich den Gegenſtand
derſelben
und den Geſichtspunkt, unter welchem er aufgefaßt
wird
, auseinanderſetze;
und wenn zwiſchen einer derſelben
und
den benachbarten Wiſſenſchaften die Grenze ſich nicht
unmittelbar
aus den angeführten Begriffsbeſtimmungen er-
gibt
, ſo müſſen die näheren Merkmale aufgeſucht werden,
welche
zur Feſtſetzung der Grenzen nothwendig ſind.
Bei
dieſer
Gelegenheit werde ich die Gründe angeben, die mich
zur
Abänderung hergebrachter Unterſcheidungen bewogen,
wenn
dieſe, meiner Auſicht nach, einer richtigen und natür-
lichen
Grundlage entbehrten.
b) Wollte ich aber in dieſer Weiſe ohne Unterbrechung
die
ganze Reihe der Wiſſenſchaften dritter Ordnung durch-
laufen
, ſo würde ich den Leſer durch ein endloſes Aufzählen
ermüden
, und ihm die Beziehungen zwiſchen den Wiſſen-
ſchaften
, um welche es mir doch hauptſächlich zu thun iſt,
ganz
aus den Augen rücken.
Sobald ich daher alle Wiſſen-
ſchaften
dritter Ordnung, welche einen gemeinſchaftlichen
beſonderen
Gegenſtand haben, unter den verſchiedenen Ge-
ſichtspunkten
unterſucht haben werde, ſo ſoll ein Ruhepunkt
gemacht
werden, um die genannten Wiſſenſchaften in eine
Wiſſenſchaft erſter Ordnung zuſammenzufaſſen.
Da
ferner
unter den Wiſſenſchaften dritter Ordnung, welche in
einer
Wiſſenſchaft erſter Ordnung begriffen ſind, Einige nur
ſolche
Wahrheiten enthalten, die man durch ein unmittelbares
Studium
der Objecte an ſich auffindet, die andern aber die-
jenigen
Wahrheiten in ſich begreifen, die ſich uns durch die
Beobachtung
und Vergleichung der Veränderungen ergeben,
welche
dieſe Objecte unter verſchiedenen Raum- und Zeit-
verhältniſſen
bemerken laſſen, welche Beobachtung und Ver-
gleichung
ſelbſt wieder zur Entdeckung der den beobachteten
Thatſachen
zu Grunde liegenden Urſachen führt, ſo werde
ich
jede Wiſſenſchaft erſter Ordnung in zwei Wiſſen-
ſchaften
der zweiten Ordnung
abtheilen, welche nun
abermals
in die Wiſſenſchaften dritter Ordnung zerfallen
2713 werden, die zu einer Wiſſenſchaft erſter Ordnung gehören.
Die erſte dieſer beiden Wiſſenſchaften zweiter Ordnung iſt
das
elementare Wiſſen über einen Gegenſtand;
die zweite
enthält
die tieferen Kenntniſſe, zu denen man in einer Sache
durchdringen
kann.
Will man in der Vergleichung fortfahren, die ich zwi-
ſchen
meiner Eintheilung der Wiſſenſchaften und der natür-
lichen
Claſſification der Pflanzen und Thiere angeſtellt habe,
ſo
kann man die Wiſſenſchaften erſter Ordnung mit den
Klaſſen
der organiſchen Reiche, und die Wiſſenſchaften zweiter
Ordnung
mit Zwiſchenabtheilungen vergleichen, welche zwi-
ſchen
den Klaſſen und Familien in der Mitte ſtehen, und
welche
man in den Tabellen dieſer Reiche als Ordnun-
gen
aufführt.
Wenn gleich jede Wiſſenſchaft erſter Ordnung ihren be-
ſonderen
Gegenſtand hat, ſo kann man doch dieſen Gegen-
ſtand
wieder als einen bloßen beſondern Geſichtspunkt eines
allgemeineren
Gegenſtandes anſehen, und dann bilden ſämmt-
liche
Wiſſenſchaften erſter Ordnung, die ſich auf einen und
denſelben
allgemeineren Gegenſtand beziehen, eine ausge-
dehntere
Gruppe von Wahrheiten, und dieſe Gruppen wer-
den
wir mit dem Namen Provinzen bezeichnen.
a) Sollen aber die Wiſſenſchaften erſter Ordnung in
Provinzen
vereinigt werden, ſo iſt es keineswegs hinreichend,
daß
die erſteren blos durch die beſonderen Definitionen der
in
ihnen enthaltenen Wiſſenſchaften dritter Ordnung beſtimmt
werden
;
ſondern ſie müſſen ganz unabhängig von den Wiſ-
ſenſchaften
definirt werden, welche in ihnen begriffen ſind;
ſie müſſen ihre eigenen Charactere haben, und die Grenz-
linien
gegen die benachbarten Wiſſenſchaften müſſen ſcharf
gezogen
werden.
Mit dieſer Operation muß angefangen
werden
.
b) Um nun aber den S. 12 angeführten Uebelſtand
zu
vermeiden, werde ich nach Muſterung aller Wiſſenſchaften
erſter
Ordnung, welche ſich auf einen und ebendenſelben all-
2814 gemeineren Gegenſtand beziehen, wiederum einen Ruhepunkt
machen
, um denſelben in eine Provinz zuſammenzufaſſen.
Eine Provinz beſteht aus allen den Wiſſenſchaften er-
ſter
Ordnung, die ſich auf einen und denſelben allgemeineren
Gegenſtand
beziehen und ihn unter allen möglichen Geſichts-
punkten
auffaſſen.
Wir werden jedoch ſehen, daß es unter
dieſen
Wiſſenſchaften wieder theils ſolche gibt, welche dieſen
allgemeineren
Gegenſtand nur erſt an ſich ſelbſt unterſuchen;
theils ſolche Wiſſenſchaften, welche denſelben nach den Bezie-
hungen
ſeiner verſchiedenen Modificationen und Urſächlich-
keitsverhältniſſe
betrachten, und die Folge davon iſt, daß jede
Provinz
in zwei Kreiſe getheilt werden muß, welche die
verſchiedenen
auf ein und daſſelbe allgemeinere Object be-
züglichen
Wiſſenſchaften erſter Ordnung in ſich begreifen.
Da ſich endlich alle für den Menſchen erkennbaren
Wahrheiten
ſchließlich auf zwei allgemeinſte Gegenſtände zu-
rückführen
laſſen, die materielle Welt und den Geiſt,
A. ſo werde ich mich zunächſt mit den Provinzen be-
ſchäftigen
, welche ſich auf den erſteren dieſer beiden Haupt-
gegenſtände
beziehen, um dieſelben einzutheilen, zu definiren,
und
um durch genaue Unterſcheidungskennzeichen die Grenz-
linien
zwiſchen denſelben zu beſtimmen.
B. Habe ich alle dieſe Provinzen durchgeprüft, ſo werde
ich
ſie in eine Gruppe höherer Ordnung vereinigen, und
werde
derſelben den Namen cosmologiſche Wiſſen-
ſchaften
geben.
Ich werde ſodann ganz daſſelbe mit den Provinzen der-
jenigen
Wiſſenſchaften thun, die ſich auf den menſchlichen
Geiſt
beziehen, auf die Geſellſchaften, welche derſelbe ge-
gründet
hat, auf die Inſtitutionen, durch welche dieſelben
regiert
werden u.
ſ. w. , und ich erhalte auf dieſe Weiſe eine
zweite
Gruppe von Wahrheiten, welche ich noologiſche
Wiſſenſchaften
nenne.
Iedes dieſer beiden Reiche zerfällt in zwei Hauptge-
biete
.
Bei den cosmologiſchen Wiſſenſchaften wird das erſte
2915 Hauptgebiet alle auf die unorganiſche Welt bezüglichen Wahr-
heiten
in ſich begreifen, und das zweite alle diejenigen, welche
es
mit den organiſchen Weſen zu thun haben.
Das erſte
Hauptgebiet
der noologiſchen Wiſſenſchaften hat die Aufgabe,
den
menſchlichen Geiſt und die Mittel zu erforſchen, mittelſt
deren
ſich die Menſchen ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre
Leidenſchaften
mittheilen, während ſich das zweite Hauptge-
biet
mit den menſchlichen Geſellſchaften und den dieſelben
leitenden
Inſtitutionen beſchäftigt.
Ich muß bei dieſer Gelegenheit bemerken, daß die Be-
ſtimmung
der verſchiedenen Geſichtspunkte, unter denen man
einen
beſonderen oder allgemeinen Gegenſtand auffaſſen kann,
ein
halbes Licht auf meine Eintheilung werfen.
Sie ver-
binden
alle Theile unter einander, laſſen die Beziehungen
zwiſchen
denſelben und ihre gegenſeitige Abhängigkeit her-
vortreten
, und bilden alſo gewiſſermaßen den Schlüſſel der
Eintheilung
.
Da jedoch dieſe Eintheilung ganz unabhängig
von
demſelben iſt, und beinahe ſchon vollendet war, ehe ich
entdeckte
, daß man ſie mittelſt jener Geſichtspunkte ableiten
könne
, ſo habe ich die Betrachtung derſelben unter dem Na-
men
Bemerkungen an das Ende jedes Paragraphen
verlegt
, und dieſelben mit kleineren Lettern drucken laſſen,
um
dem Leſer anzudeuten, daß dieſelben zum Verſtändniß
der
übrigen Partieen meines Werkes nicht unumgänglich
nothwendig
ſind.
In meiner Eintheilung ging ich nur bis zu denjenigen
Wiſſenſchaften
herab, die ungefähr den Familien der Na-
turhiſtoriker
entſprechen.
Hätte ich mich auch über das ver-
breiten
wollen, was man etwa als Gattungen und Arten
von
Wahrheiten anſehen kann, hätte ich zum Beiſpiel die
Zoologie
noch weiter in ſo viele verſchiedene Wiſſenſchaften
getheilt
, als in dem Thierreich Provinzen und Klaſſen ent-
halten
ſind;
hätte ich in der Geſchichte alle möglichen Un-
terabtheilungen
der Zeiten und Länder verfolgen wollen, um
zuletzt
mit der Specialgeſchichte einer Gegend, einer Stadt,
3016 einer Auſtalt, einer Wiſſenſchaft, eines Menſchen u. ſ. w. zu
ſchließen
, ſo würde ich mich, ohne einen weſentlichen Vortheil
in
endloſen Details verwirrt haben.
Noch auf einen Punkt muß ich die Aufmerkſamkeit des
Leſers
lenken;
ich meine die Namen, womit ich die Wiſſen-
ſchaften
verſchiedener Ordnungen bezeichnet habe.
Ich war
weit
entfernt, in den Endigungen der von mir gewählten
Namen
eine Symmetrie erzwingen zu wollen, welche, immer
im
Einklang mit den Abtheilungen der Claſſification, nichts
als
dieſe Abtheilungen ſelbſt wiedergegeben hätten, nur in
dem
Fall, wenn ich neue Benennungen anzunehmen genö-
thigt
war, war mein Augenmerk, durch die Wahl der Worte
die
Modificationen zu bezeichnen, welche aus den Characteren
folgen
, auf denen die Eintheilung ruht.
Sobald aber durch
den
Sprachgebrauch Namen ein Bürgerrecht erhalten haben,
welche
mit den von mir zwiſchen den verſchiedenen Wiſſen-
ſchaften
gezogenen Grenzen zuſammenſtimmen, ſo habe ich
ſie
gewiſſenhaft beibehalten.
Wenn Schriftſteller, ſtatt eine
ganze
Wiſſenſchaft zu umfaſſen, nur einen Theil derſelben
bearbeitet
haben, und dieſem beſonderen Theil den Namen
beilegten
, der eigentlich dem Ganzen gebührt hätte, und
wenn
dieſer Name und die oft ſehr unrichtige Einſchränkung
ſeiner
Bedeutung durch den Sprachgebrauch in Aufnahme
gebracht
wurde, ſo hielt ich es dennoch für beſſer, dieſen
Namen
beizubehalten und ihm eine umfaſſendere Bedeutung
zu
geben, als willkührlich einen neuen Namen zu bilden.
Wenn ich aber auf Wiſſenſchaften ſtieß, die noch keinen
Namen
hatten und für welche unſere Sprache keine paſſende
Umſchreibung
bot, ſo war ich natürlich genöthigt, für die-
ſelben
einen Namen zu bilden, wie Linne, Bernard von
Iuſſieu
und alle Urheber von Claſſificationen Benennungen
für
die verſchiedenen Abtheilungen, Claſſen, Ordnungen, Fa-
milien
ſchaffen mußten, welche ſie aufgeſtellt hatten.
Ich
ſchmeichle
mir jedoch keineswegs, die Wiſſenſchaften, denen
ich
Namen gab, auch erfunden oder entdeckt zu haben;
ſie
3117 beſtanden bereits, denn über die meiſten derſelben gibt es
zahlreiche
Werke;
denn um nur ein Beiſpiel zu geben,
exiſtirte
nicht die Wiſſenſchaft, die ich Cinematik genannt
habe
, ſchon vorher, ehe ich ihr dieſen Namen gab, wenig-
ſtens
theilweiſe in dem Werk, das Carnot über die geo-
metriſche
Bewegung ſchrieb, und in der Abhandlung von
Lanz
und Bétancourt über die Zuſammenſetzung der Ma-
ſchinen
?
Sind dieſe und mehrere andere Wiſſenſchaften noch
nicht
vollſtändig abgehandelt, ſo wird man es mir vielleicht
Dank
wiſſen, daß ich die Lücken bezeichnet habe, die auszu-
füllen
, die Arbeiten, die anzufangen und zu vollenden ſind.
Eintheilungsprincip Ampère’s und die Art, wie er
es entdeckte.
Als ich mich im Iahr 1829 auf den Curſus der all-
gemeinen
und der Experimentalphyſik, zu dem ich im Col-
lège
de France verpflichtet bin, vorbereitete, boten ſich mir
zwei
Fragen dar, die ich vor allen Dingen beantworten
mußte
.
1) Was iſt allgemeine Phyſik, und wie unterſcheidet
ſie
ſich mit klarer Beſtimmtheit von den andern Wiſſen-
ſchaften
?
Ich glaubte dieſen Unterſchied darin zu finden, daß ſie
die
unorganiſchen Eigenſchaften der Körper und ihre Er-
ſcheinungsweiſe
unterſucht, abgeſehen von dem Nutzen, den
wir
aus ihnen ziehen, und von den Modificationen, welche
dieſe
Eigenſchaften und Erſcheinungen in verſchiedenen Zeiten,
Orten
und Klimaten erleiden.
Die unorganiſchen
Eigenſchaften
der Körper, ſagte ich, um die allgemeine Phyſik
von
den naturhiſtoriſchen und phyſiologiſchen Wiſſenſchaften
zu
trennen;
ich fügte bei abgeſehen von dem Nutzen,
3218 den wir aus ihnen ziehen zum Unterſchied von der
Technologie
;
und durch die Ausſchließung der Mo-
dificationen
, die jene Eigenſchaften und Er-
ſcheinungen
in verſchiedenen Zeiten, Orten und
Klimaten
erleiden
ſollten auf eine genaue Art die
Grenzen
beſtimmt ſein, zwiſchen der allgemeinen Phyſik
einerſeits
und andrerſeits der phyſikaliſchen Geographie und
allen
übrigen Wiſſenſchaften, die ſich mit der Erdkugel be-
ſchäftigen
.
2) Welches ſind die verſchiedenen Zweige der ſo be-
ſtimmten
allgemeinen Phyſik, die man nun nach Belieben
entweder
als ebenſoviele beſondere Wiſſenſchaften anſehen
kann
, oder nur als Theile der einen ausgedehnteren Wiſſen-
ſchaft
, von welcher hier die Rede iſt?
Schon vorher hatte ich bemerkt, daß es bei Definition
und
Eintheilung der Wiſſenſchaften keineswegs hinreiche,
blos
auf die Natur der Gegenſtände ſein Augenmerk zu
richten
, auf welche ſich die Wiſſenſchaften beziehen, ſondern
daß
man auch auf die verſchiedenen Geſichtspunkte Rückſicht
nehmen
müſſe, von denen aus man dieſe Gegenſtände be-
trachten
kann.
Ich bildete demnach aus der allgemeinen
Phyſik
zwei Ordnungen von Wiſſenſchaften nach den ver-
ſchiedenen
Geſichtspunkten, unter welchen man die unorgani-
ſchen
Eigenſchaften der Körper betrachten kann, und theilte ſie
zunächſt
ab in die allgemeine (Elementar-) Phyſik
und
in die mathematiſche Phyſik.
Die Grenzlinie
zwiſchen
dieſen beiden Theilen der allgemeinen Phyſik beſtand
darin
, daß ich in dem erſten alles dasjenige vereinigte, was
Beobachtung
und Erfahrung uns an den Körpern, für ſich
betrachtet
, kennen lehrt;
in dem zweiten Theil aber zuerſt
die
allgemeinen Geſetze, die ſich uns aus der Vergleichung
und
Zuſammenſtellung theils der an den Körpern bemerk-
baren
Erſcheinungen, theils der mit der Modification der
äußeren
Umſtände gleichlaufenden Veränderungen dieſer Er-
ſcheinungen
ergeben, ſodann die Urſachen, zu denen wir
3319 durch Zerlegung der Thatſachen und Schlußfolgerungen aus
den
in denſelben enthaltenen Geſetzen aufſteigen.
Wir haben ſomit zwei Hauptgeſichtspunkte nicht allein
für
die allgemeine Phyſik, ſondern, wie ſich im Verlauf des
vorliegenden
Werks zeigen wird, für alle Wiſſenſchaften, die,
wie
die obengenannte, die Geſammtheit des auf einen Ge-
genſtand
bezüglichen Wiſſens in ſich faſſen.
Bei dem erſten
Geſichtspunkt
werden die Gegenſtände an ſich betrachtet;
bei dem zweiten in ihrer Wechſelbeziehung, d. h. es werden
durch
Zuſammenſtellung der Thatſachen allgemeine Geſetze
aufgeſucht
und in einen Zuſammenhang gebracht, in dem
ſie
ſich gegenſeitig erklären, bis es gelingt von den Wirkun-
gen
zu den Urſachen aufzuſteigen und von den entdeckten
Urſachen
wieder rückwärts auf die Wirkungen zu ſchließen.
Ich bemerkte ferner, daß jeder dieſer beiden Hauptge-
ſichtspunkte
wieder in zwei beſondere Geſichtspunkte zerfällt.
So kann man, wenn nach dem erſten Hauptgeſichtspunkte
die
Gegenſtände an ſich betrachtet werden, entweder bei dem,
was
die unmittelbare Beobachtung gibt, ſtehen bleiben, oder
man
kann etwas ſuchen, das Anfangs noch verborgen iſt,
und
zu dem man erſt durch weitere Zerlegung der Objekte
durchdringt
.
Ich bildete deßhalb eine erſte Unterabtheilung
der
allgemeinen Phyſik, welche alle Wahrheiten in ſich be-
greift
, die ſich auf die unmittelbar wahrnehmbaren unorga-
niſchen
Erſcheinungen und Eigenſchaften der Körper beziehen,
Experimentalphyſik;
eine zweite Unterabtheilung enthält
die
Wahrheiten, die ſich mit dem, was in den Körpern ver-
borgen
iſt, beſchäftigen, d.
h. mit den Elementen, aus denen
ſie
beſtehen, und die man nur durch Zerlegung derſelben
kennen
lernen kann.
So wurde mir die Chemie der zweite
Theil
der allgemeinen Phyſik.
Bei dem zweiten Hauptgeſichtspunkt, wo es ſich um
Vergleichung
und Erklärung der Thatſachen handelt, findet
eine
ähnliche Unterabtheilung in zwei beſondere Geſichts-
punkte
ſtatt.
Der eine davon bezieht ſich auf die allmäh-
3420 ligen Veränderungen, die ein und derſelbe Gegenſtand theils
für
die unmittelbare Wahrnehmung, theils in Beziehung
auf
das, was erſt durch weitere Zerlegung gefunden werden
kann
, erleidet;
man unterſucht dieſe Veränderungen, um den
dieſelben
beherrſchenden Geſetzen auf die Spur zu kommen,
und
wenn man ſo weit iſt, ſo vergleicht man das, was
man
an einem Gegenſtand beobachtet hat, mit dem, was
man
an einem anderen fand, um die ſo aufgefundenen Ge-
ſetze
ſo weit zu verallgemeinern, als es die Natur der Sache
zuläßt
.
Der zweite beſondere Geſichtspunkt (oder, wenn man
die
früher angegebenen zwei beſonderen Geſichtspunkte mit-
rechnet
, der vierte), geht von den unter den drei vorange-
gangenen
beſonderen Geſichtspunkten erhaltenen Reſultaten
aus
, um die letzten Gründe der in den vorhergegangenen
Unterſuchungen
aufgefundenen Thatſachen und Geſetze zu
erforſchen
und um von dieſen oberſten Gründen und Urſa-
chen
aus die künftigen Wirkungen vorherzuſehen und zu
berechnen
.
Ich vereinigte demgemäß in der erſten Unter-
abtheilung
der mathematiſchen Phyſik das vergleichende Stu-
dium
der Mittel, durch welche die Beobachtungen die größeſt-
mögliche
Genauigkeit erhalten, ferner die Verbeſſerungen,
die
man an den erhaltenen Reſultaten je nach der Tempe-
ratur
, dem atmoſphäriſchen Druck u.
ſ. w. anbringen muß,
die
Formeln, die ſich aus der Zuſammenſtellung der erhal-
tenen
Reſultate ableiten laſſen, und alle Folgerungen, zu
denen
man bei Anwendung des Calculs der Dynamik auf
die
genannten Formeln kommt;
dieß iſt das Ziel der Unter-
ſuchungen
, aus denen ich die beſondere Wiſſenſchaft der
Stereonomie
gebildet habe.
In der dieſer ebengenannten
Wiſſenſchaft
entſprechenden zweiten Unterabtheilung ſtellte
ich
Alles zuſammen, was ſich auf die letzten Gründe ſowohl
der
in der Experimentalphyſik und Chemie beobachteten Er-
ſcheinungen
, als der phyſikaliſch-mathematiſchen Geſetze be-
zieht
, welche letztere Gründe ſich in äußerſter Verallgemei-
nerung
auf die Kräfte der Anziehung und Abſtoßung zwi-
3521 ſchen Molekülen der Körper unter einander, und ebenſo
zwiſchen
den Atomen, aus denen die Moleküle beſtehen, zu-
rückführen
laſſen.
)
Ich fand ferner, daß die übrigen Wiſſenſchaften, welche
die
Natur der Körper erforſchen, wie Geologie, Botanik,
Zoologie
u.
ſ. w. ſich auf natürliche Art und ganz entſpre-
chend
den vorhin angeführten vier Geſichtspunkten in zwei
Theile
und vier Unterabtheilungen trennen.
Einige Zeit
nachher
entdeckte ich, daß daſſelbe bei den mathematiſchen,
den
phyſikaliſch mathematiſchen, den mediciniſchen und den
techniſchen
Wiſſenſchaften ſtattfinde.
Immer bemerkte ich, daß die Gegenſtände dieſer ver-
ſchiedenen
Wiſſenſchaften ſich unter denſelben Geſichtspunkten
betrachten
laſſen, wie die Objecte der Phyſik;
daß ſich dieſe
Geſichtspunkte
ganz auf dieſelbe Weiſe wie dort zu einander
verhalten
, und, ohne im Weſentlichen ſich zu ändern, höch-
ſtens
Modificationen erleiden, die von der Natur der Ge-
genſtände
abhängen, wie man ja dieſes auch bei den natür-
lichen
Characteren, deren man ſich in der Botanik und Zoo-
logie
bedient, bemerken kann.
Der Leſer wird ſpäter ſehen,
worin
dieſe Modificationen beſtehen, wenn ich im Verlauf
dieſes
Werkes die fraglichen Geſichtspunkte auf die verſchie-
denen
Wiſſenszweige anwende.
Im Frühjahr 1830 brachte ich eine Eintheilung der
cosmologiſchen
Wiſſenſchaften zu Stande.
Noch im Lauf
deſſelben
Iahres faßte ich den Gedanken, auch die noologi-
ſchen
Wiſſenſchaften zu claſſificiren.
Dieſelben zwei Hauptgeſichtspunkte ſammt ihren Unter-
abtheilungen
, mittelſt deren ich bereits die Gegenſtände der
cosmologiſchen
Wiſſenſchaften eingetheilt hatte, gaben mir
1
11Anmerkung. Ueber den Unterſchied von Molekülen und Atomen
leſe
man nach, Bibliothèque universelle, März 1832, Theil XLIX.,
pag. 225 ff., wo ſich ein von mir verfaßtes Memoire über dieſen
Punkt
findet.
3622 auch für die noologiſchen Wiſſenſchaften einen ganz natür-
lichen
Eintheilungsgrund an die Hand.
Auf dieſe Art erhielt ich Wiſſenſchaften von verſchiede-
nen
Ordnungen.
Wiſſenſchaften der erſten Ordnung nannte
ich
diejenigen, in welchen alle auf einen Gegenſtand be-
züglichen
Erkenntniſſe vereinigt ſind.
Iede Wiſſenſchaft der
erſten
Ordnung theilt ſich nach den zwei Hauptgeſichts-
punkten
, unter denen man einen Gegenſtand betrachten kann,
in
zwei Wiſſenſchaften von der zweiten Ordnung, und jede
von
dieſen beiden theilt ſich wieder in zwei Wiſſenſchaften
der
dritten Ordnung, entſprechend den früher angeführten
vier
ſpecielleren Geſichtspunkten.
Alle Wiſſenſchaften der zweiten und dritten Ordnung
ſind
alſo in Wiſſenſchaften der erſten Ordnung vereinigt,
und
ich war ſomit bei der Eintheilung des menſchlichen
Wiſſens
ungefähr auf denſelben Punkt gekommen, wie Ber-
nard
Iuſſieu, als er ſämmtliche damals bekannten Pflanzen-
gattungen
in natürliche Familien gruppirt hatte.
Es blieb
mir
nur noch übrig, die Wiſſenſchaften der erſten Ordnung
zu
claſſifiziren und in größere Abtheilungen zu vereinigen,
gerade
ſo, wie der Verfaſſer der genera plantarum die na-
türlichen
Familien in Klaſſen, und dieſe ſelbſt wieder in die
drei
großen Haufen der Acotyledonen, Monocotyledonen und
Dicotyledonen
vereinigte, welche letztere ganz mit den von
Cuvier
im Thierreich gemachten Hauptabtheilungen (embran-
chements
) zuſammenfallen, die wir Provinzen nennen wollen.
So entſprechen alſo die Wiſſenſchaften der dritten Ord-
nung
den natürlichen Familien Iuſſieu’s, die Wiſſenſchaften
der
erſten Ordnung bildeten gleichſam Klaſſen von Wahr-
heiten
, und es war nur meine Aufgabe, aus dieſen Wiſſen-
ſchaften
erſter Ordnung Provinzen und Reiche zu bilden.
Vor Allem theilte ich unſer ſämmtliches Wiſſen in zwei
Reiche
.
Das eine ſollte alle Wahrheiten befaſſen, die ſich
auf
die Körperwelt beziehen, das andere alles, was mit dem
menſchlichen
Geiſt zuſammenhängt.
Die Wiſſenſchaften der
3723 erſten Ordnung unter die zwei Reiche einzureihen, machte
keine
große Schwierigkeit;
aber ich mußte Zwiſchenglieder
aufſuchen
, damit in jedem Reiche eine natürliche Reihen-
folge
die gegenſeitigen Verhältniſſe und Beziehungen jener
Wiſſenſchaften
beſſer in die Augen fallen laſſe.
Sollten dieſe Unterabtheilungen natürlich ſein, ſo durften
ſie
nicht nach vorgefaßten Meinungen und vorausbeſtimmten
Eintheilungsgründen
gemacht werden, ſondern nach der Ge-
ſammtheit
der Beziehungen aller Art, welche ſich in den
Wiſſenſchaften
, die eingetheilt und geordnet werden ſollten,
auffinden
ließen, und ich machte der Reihe nach Verſuche,
ſie
bald zu drei, bald zu vier zu gruppiren, je nach dem
größeren
oder geringeren Grad von Aehnlichkeit, welchen ſie
unter
einander hatten.
Ieder dieſer Eintheilungsverſuche
ließ
mich neue Beziehungeu zwiſchen ihnen auffinden, aber
immer
noch fehlte die rechte Art der Zuſammenſtellung,
welche
alle dieſe Beziehungen mit der größtmöglichen Deut-
lichkeit
hervortreten ließ, und erſt im Frühling 1831 wurde
mir
klar, daß ich, um keine jener Beziehungen zu vernach-
läſſigen
, die Wiſſenſchaften erſter Ordnung zu zwei und
zwei
zuſammenſtellen müſſe, indem ich immer diejenigen,
welche
die ſchlagendſten und vielfältigſten Aehnlichkeiten zeig-
ten
, vereinigte;
und daß ferner die ſo gebildeten Gruppen
wieder
auf dieſelbe Art zu zwei und zwei, je die nächſtſte-
henden
mit einander verbunden werden müſſen.
Indem ich
dieſe
Arbeit immer weiter fortführte, mußte ich zuletzt auf
die
große Abtheilung in zwei Reiche und ſomit auf eine
conſeguent-dichotomiſche
Eintheilung kommen;
wie man auch
im
Verlauf des Werkes ſelbſt finden wird, daß jedes Reich
in
zwei Hauptgebiete, jedes Hauptgebiet in zwei Provinzen,
jede
Provinz in zwei Kreiſe, und jeder Kreis in zwei Wiſ-
ſenſchaften
der erſten Ordnung zerfällt.
Als ich einmal ſo weit war, wollte ich auch in dem
Curs
, zu dem ich im Collège de France verpflichtet bin,
eine
Arbeit fruchtbar machen, die nur im Intereſſe dieſes
3824 Curſes begonnen worden war, aber ganz unerwartet ſolche
Reſultate
hervorgerufen hatte, und ich beſtimmte Eine wö-
chentliche
Lection zu einer überſichtlichen Darſtellung dieſer
Unterſuchung
.
Dabei ſah ich jedoch gleich, daß meine Arbeit
noch
nicht zu Ende war.
Es fehlte mir an genauen Cha-
racteren
für die Unterſcheidung und Zuſammenſtellung der
zwiſchen
die Reiche und die Wiſſenſchaften erſter Ordnung
eingeſchobenen
Mittelglieder der Eintheilung.
Es fehlte mei-
ner
Claſſification noch gleichſam der Schlüſſel, den Iuſſieu
für
ſeine Zuſammenſtellung der natürlichen Pflanzenfamilien
in
der Zahl der Samenlappen, in der Stellung der Staub-
fäden
, in der Anweſenheit oder dem Mangel einer Blumen-
krone
u.
ſ. w. gefunden hat. Dabei kamen aber mancherlei
Schwierigkeiten
zum Vorſchein.
Da die verſchiedenen Grup-
pen
, welche ich nach natürlichen Analogieen aus den Wiſ-
ſenſchaften
erſter Ordnung gebildet hatte, vorher fertig wa-
ren
, ehe ich noch einen Schlüſſel für das Ganze aufſuchte,
mußte
ich nothwendig dieſen letzteren ſo lange ändern, bis
ich
einen fand, welcher dieſe Gruppen in ihrer natürlichen
Ordnung
genau wieder hervortreten ließ.
Ich fand auch
bald
ein Mittel, die Stellung und die Charactere der Haupt-
gebiete
und Provinzen zu beſtimmen;
nicht ſo jedoch verhielt
es
ſich bei den Kreiſen, in welche die Provinzen eingetheilt
wurden
.
So weit war ich, als mir im Iahr 1832 der Gedanke
aufging
, daß alle die Abtheilungen und Unterabtheilungen,
die
ich mit ſo vieler Mühe zu Stande gebracht hatte, in
gewiſſer
Weiſe a priori hätten abgeleitet werden können, und
zwar
mit Hülfe eben derſelben Geſichtspunkte, die mir im
Anfang
zur Abtheilung der Wiſſenſchaften erſter Ordnung
in
ſolche der zweiten und dritten Ordnung gedient hatten.
Zwar hatte ich bereits bemerkt, daß die Anwendung der ge-
nannten
Geſichtspunkte auf die zwei großen Hauptobjecte
des
menſchlichen Wiſſens hinreiche, um jedes dieſer beiden
Reiche
in dieſelben Hauptgebiete und Provinzen abzutheilen,
3925 die ſich ſchon vorher a posteriori ergeben hatten. Nun aber
erkannte
ich auch, daß bei wiederholter Anwendung jener
Geſichtspunkte
auch auf die weniger allgemeinen Gegenſtände,
die
den Inhalt der Provinzen ausmachen, letztere gleichfalls
in
dieſelben Kreiſe und Wiſſenſchaften erſter Ordnung ſich
zerlegen
, wie ſie ſchon vorher beſtimmt waren, ehe ich auch
nur
entfernt an dieſe neue Anwendungsart jener Geſichts-
punkte
dachte.
In den Anmerkungen, welche ich durch klei-
neren
Druck von dem übrigen Texte des Werkes ausge-
zeichnet
habe, wird man ſehen, wie ich dieſe Idee entwickle,
und
mit welcher Ungezwungenheit ſie zu einem natürlichen
Syſtem
der menſchlichen Erkenntniſſe führt.
Der Umſtand, daß die aus der ebengemachten Betrach-
tung
hervorgehende Eintheilung unſeres Wiſſens auf eine
ſo
folgerechte Weiſe mit der Claſſification zuſammentrifft,
die
aus der empiriſchen Betrachtung ſämmtlicher Analogieen
der
verſchiedenen Wiſſenſchaften ſich ergab, hat nothwendig
ſeinen
Grund in der Natur unſeres Denkens.
Was auch
der
Gegenſtand unſerer Unterſuchungen ſein mag, phyſiſch,
logiſch
oder ethiſch, ſo müſſen wir vor allen Dingen die
Thatſachen
ſammeln, welche ſich für die unmittelbare Beob-
achtung
ergeben;
ſodann müſſen wir aufſuchen, was ge-
wiſſermaßen
unter dieſen Thatſachen verſteckt iſt;
und erſt,
wenn
dieſe Unterſuchungen vollendet ſind, welche den in
dem
erſten Hauptgeſichtspunkt vereinigten zwei beſonderen
Geſichtspunkten
entſprechen, erſt dann kann man die gewon-
nenen
Thatſachen mit einander vergleichen, und allgemeine
Geſetze
daraus ableiten.
Dieſe Vergleichung und Verallge-
meinerung
entſpricht augenſcheinlich dem dritten beſonderen
Geſichtspunkt
.
Iſt dieß Alles geſchehen, dann kann man
endlich
zu den letzten Gründen der Erſcheinungen aufſteigen,
die
man unter dem erſten Geſichtspunkt beobachtete, zerlegte
und
analyſirte unter dem zweiten, und unter dem dritten
verglich
, ordnete und auf allgemeine Geſetze zurückführte.
Dieſe Erforſchung der letzten Gründe alles bisher Aufge-
4026 fundenen, und die Ableitung der Wirkungen aus den nach-
gewieſenen
letzten Urſachen machen den vierten beſonderen
Geſichtspunkt
aus, und vollenden ſo den Kreis deſſen, was
man
nur irgend an einem Gegenſtand erkennen kann.
Ich
muß
mich hier begnügen mit der bloßen Andeutung der vier
Geſichtspunkte
, deren Unterſchied und gegenſeitige Beziehung
gewiſſermaßen
als das Princip einer Eintheilung angeſehen
werden
muß, welche gleichwohl von ganz anderen ſelbſtſtän-
digen
Unterſuchungen ihren Ausgang nahm.
Erſt nach
Durchleſung
des ganzen Werks wird man im Stande ſein,
die
Anwendung dieſes oberſten Eintheilungsgrundes ganz
zu
faſſen, und die Wichtigkeit und Fruchtbarkeit deſſelben
vollſtändig
einzuſehen.
Als ich die Abfaſſung des vorliegenden Werks begonnen
hatte
, fiel mir eine merkwürdige Uebereinſtimmung auf, zwi-
ſchen
den genannten vier Geſichtspunkten und den vier Haupt-
epochen
, welche der menſchliche Verſtand bei ſeiner allmähligen
Entwicklung
zu durchlaufen hat, von den erſten Empfindungen
und
Bewegungen, durch welche das Kind ſeines Daſeins be-
wußt
wird und daſſelbe bethätigt, bis zu dem Zeitpunkt, wo
der
Menſch, gebildet durch die Geſellſchaft von Seinesgleichen,
wie
durch die Uebung von Wiſſenſchaften und Künſten, ſich
zu
der höchſtmöglichen Stufe der Erkenntniß emporhebt.
Dieſe Entwicklungsgeſchichte des menſchlichen Geiſtes
war
das Ergebniß einer langen Arbeit, die ich um das Iahr
1804
begann, und mit der ich noch im Iahr 1820 beſchäf-
tigt
war.
Ich unterſuchte nemlich die Vermögen des Geiſtes,
die
Mittel, durch welche er das Wahre vom Falſchen unter-
ſcheidet
, die Wege, die er gehen muß, um die verſchiedenen
Gegenſtände
ſeines Wiſſens zu ordnen, und um ſeine Be-
griffe
und Urtheile in Zuſammenhang unter einander zu
bringen
;
ich unterſuchte endlich den Urſprung unſerer Ideen;
und ſo wurden nach und nach alle von der Philoſophie
aufgeworfenen
Fragen in den Kreis meiner Erörterung ge-
zogen
und die Löſung derſelben verſucht.
4127
Die erſte Periode geht von dem Augenblick, wo bei
dem
Kinde Empfindung und Selbſtthätigkeit erwacht, bis zu
dem
Zeitpunkt, wo es durch die Sprache mit der übrigen
Menſchenwelt
in einen geiſtigen Wechſelverkehr tritt;
die
zweite
Periode erſtreckt ſich von der Erlernung der Sprache
bis
zu den äußerſten Grenzen, welche der menſchliche Geiſt
erreichen
kann, wenn es überhaupt ſolche Grenzen gibt.
Aus der erſten Periode bewahrt uns das Gedächtniß nichts
auf
, aber ich hielt es für möglich, durch bloße Schlußfolge-
rungen
aus den Thatſachen unſeres Bewußtſeins, den Zeit-
raum
in ſeiner ganzen Vollſtändigkeit noch einmal zu con-
ſtruiren
, und als ich über dieſen Punkt ins Reine gekommen
war
, bemerkte ich, daß der genannte Zeitraum, ebenſo wie
der
andere, abermals in zwei beſondere Perioden zerfallen.

Ehe
das Kind die Sprache lernt, gibt es eine Zeit, in wel-
cher
es nur dasjenige auffaſſen kann, was unmittelbare Er-
ſcheinung
iſt, mag nun letztere durch die äußeren Sinne
vermittelt
ſein, oder durch die innere Empfindung ſeiner ei-
genen
Selbſtthätigkeit;
dieß iſt die erſte untergeordnete Pe-
riode
im erſten Zeitraum.
Die zweite untergeordnete Pe-
riode
geht von dem Zeitpunkt, wo es das Daſein von Kör-
pern
und von perſönlichen Weſen entdeckt, welche gleich ihm
Verſtand
und Willen haben, bis zu der Epoche, wo es durch
die
Sprache mit letzteren in Verkehr tritt, wo es die Zwecke
einſieht
, welche die umgebenden Perſonen bei ihren Hand-
lungen
haben, und wo es den Sinn ihrer Worte verſteht.
Nun beginnt der zweite Zeitraum und die dritte unter-
geordnete
Periode.
Das Kind hört einen Namen bei ver-
ſchiedenen
Gegenſtänden nennen, es hört ein und daſſelbe
Wort
wiederholen in verſchiedenen Satzverbindungen, deren
Sinn
durch die Umſtände, unter welchen man es ausſpricht,
ihm
deutlich werden muß, und es kann nun den Begriff,
welcher
durch den Namen oder das Wort bezeichnet wird,
nicht
anders erfaſſen, als wenn es die verſchiedenen Objecte,
die
verſchiedenen Umſtände unter einander vergleicht, und
4228 durch dieſe Vergleichung das Gemeinſchaftliche, das in dieſen
verſchiedenen
Objecten oder Umſtänden enthalten iſt, heraus-
findet
;
denn eben dieſes, das Allgemeine, iſt es, was
durch
einen Namen oder ein Wort bezeichnet wird.
Verſteht einmal der Menſch die Worte, ſo hat er eben
damit
auch das Mittel, ſeine Gedanken feſtzuhalten und zu
ordnen
, ſeine Urtheile auszudrücken, und er macht die Ent-
deckung
, daß er, von bereits bekannten Wahrheiten ausge-
hend
, andere Wahrheiten davon ableiten kann, welche mit
den
erſten in dem Verhältniß gegenſeitiger Abhängigkeit ſte-
hen
, ſo daß mit dem einen auch die anderen nothwendig
gegeben
ſind.
In der vierten untergeordneten Periode endlich
fand
ich Alles dasjenige vereinigt, was der Menſch, bei einer
tieferen
Ergründung der Dinge und Weſen, über ihre Eigen-
ſchaften
und Kräfte, ſo wie auch über die letzten Gründe er-
forſchen
kann, auf welche er die Thatſachen der Natur und
der
geiſtigen Welt zurückführen muß.
)
Die Analogie dieſer vier Perioden mit den vier Ge-
ſichtspunkten
ſpringt zu ſehr in die Augen, als daß ich mich
lang
dabei aufhalten ſollte.
Sieht man nicht auf den erſten
Blick
, daß die zwei Hauptperioden der Entwicklungsgeſchichte
des
menſchlichen Geiſtes zuſammenfallen mit den früher be-
zeichneten
zwei Hauptgeſichtspunkten?
Und iſt es nicht ebenſo,
wenn
man die vier beſonderen Perioden mit den vier unter-
1
11Anmerkung. Dieſe vier Perioden entſprechen vier Arten von
Begriffen
, die in Verbindung mit den Erſcheinungen der äußeren
und
inneren Welt, in ihren verſchiedenen Combinationen den Ur-
ſprung
aller Thatſachen unſeres Bewußtſeins geben, wie ich es in
einer
im Collège de France gehaltenen Vorleſung näher ausein-
andergeſetzt
habe und deſſen weſentlicher Inhalt im Nachſtehenden
zu
finden iſt. Ich füge blos die Bemerkung bei, daß der Menſch,
wenn
er einmal eine Art von Begriffen erfaßt hat, derſelben bis an
das
Ende ſeines Lebens fähig iſt, und daß ſomit ſein Geiſt, der
während
der ganzen erſten Periode nur die erſte Art von Begriffen
zuläßt
, die beiden erſten Arten in ſich aufnehmen kann während der
zweiten
Periode, die drei erſten während der dritten, u. ſ. f.
4329 geordneten Geſichtspunkten vergleicht? Iſt nicht ganz klar,
daß
die Periode, wo das Kind nur die unmittelbaren Er-
ſcheinungen
der äußeren und inneren Welt auffaßt, dem
Geſichtspunkt
entſpricht, unter welchem man ſich nur mit
dem
beſchäftigt, was Natur und Geiſt der unmittelbaren
Beobachtung
vor Augen ſtellen;
ebenſo die zweite Periode,
wo
das Kind die Eriſtenz körperlicher Dinge und geiſtiger
Weſen
außer ſich entdeckt, dem Geſichtspunkt derjenigen
Wiſſenſchaften
, welche ſich mit der Erforſchung des in den
Gegenſtänden
Verſtecktliegenden beſchäftigen;
die dritte Pe-
riode
, wo das Kind, um die Sprache ſeiner Umgebungen
zu
verſtehen, die Gegenſtände vergleichen und ordnen, ja
ſeine
eigenen Gedanken betrachten muß, und mit der fort-
ſchreitenden
Entwicklung ſeiner Vernunft aus bekannten
Wahrheiten
unbekannte ableiten lernt, den Wiſſenſchaften
des
dritten Geſichtspunktes, welche ſich mit Zuſammenſtellung
und
Vergleichung der Thatſachen beſchäftigen;
die vierte
Periode
endlich dem vierten Geſichtspunkt, weil die Mittel,
die
man ſowohl zur Bewahrheitung als zur tieferen Er-
gründung
der Thatſachen anwenden muß, in beiden Fällen
auf
das Gleiche hinauslaufen, nemlich die Einſicht in den
nothwendigen
Zuſammenhang von Urſache und Wirkung?
Dieſe durchgehende Analogie folgt aus der Natur un-
ſeres
Geiſtes;
denn der Gelehrte muß durchaus bei der
Unterſuchung
irgend welches natürlichen oder geiſtigen Ge-
genſtandes
denſelben Gang befolgen, wie die übrigen Men-
ſchen
bei der allmähligen Entwicklung ihrer Einſichten.
Man würde das Ebengeſagte entſchieden mißverſtehen,
wenn
man ſich etwa vorſtellen wollte, daß ich die verſchie-
denen
Gruppen der in dieſem Werk definirten Wiſſenſchaften
in
eine Beziehung mit den ebengenannten Perioden bringen
wollte
.
Es iſt klar, daß für das Kind vor Erlernung der
Sprache
keine Wiſſenſchaft vorhanden iſt, daß alſo der Menſch
nur
in den zwei letzten Perioden eine Wiſſenſchaft oder
Kunſt
zu erfaſſen im Stande iſt;
er kann es im Allgemeinen
4430 nur dann erſt, wenn er ſolche Kenntniſſe beſitzt, welche alle
vier
Arten von Begriffen in ſich vereinigen, wie ſie in der
Anmerkung
am Ende der Vorrede näher werden bezeichnet
werden
.
Aus allem geht ſomit hervor, daß die Betrachtung
der
Perioden, welchen die verſchiedenen dem menſchlichen
Wiſſen
zu Grund liegenden Begriffsgattungen entſprechen,
auf
keine Weiſe in die Unterſuchungen über die Eintheilung
unſerer
Erkenntniſſe hereingezogen werden dürfen.
In dem philoſophiſchen Curſus, zu dem ich von 1819
auf
20 bei der philoſophiſchen Facultät von Paris ver-
pflichtet
war, entwickelte ich meine Anſichten über eine all-
gemeine
Claſſification der Thatſachen des Bewußtſeins.
Ich
hatte
bereits die hauptſächlichſten Ergebniſſe meiner Arbeit
in
einer pſychologiſchen Tabelle, die ich für einige wenige
Freunde
drucken ließ, zuſammengeſtellt, und behielt mir vor,
dieſe
wichtigen Fragen ſpäter in einer beſonderen Abhand-
lung
näher zu erörtern, wovon ich damals durch phyſicaliſche
Unterſuchungen
abgehalten wurde.
Betrachtungen, welche von den bisher auseinanderge-
ſetzten
ganz verſchieden waren, führten mich länger als ein
Iahr
nachher, als der Druck des erſten Theils dieſes Werks
faſt
vollendet war, am 12.
December 1833, zum dritten
Mal
auf ganz anderen Wegen zu den gleichen Abtheilungen
und
Unterabtheilungen ſämmtlicher Wahrheiten, welche un-
ſere
Wiſſenſchaften und Künſte ausmachen, ganz ebenſo wie
die
Eintheilung war, auf die ich gleich im Anfang kam,
und
welche ich ſpäter mittelſt der öfter beſprochenen Ge-
ſichtspunkte
zum zweiten Mal in ebenderſelben Ordnung
reproducirte
.
Auf dieſe Betrachtungen kam ich, indem ich unterſuchte,
auf
welche Art dieſe nemlichen Abtheilungen und Unterab-
theilungen
, eine von der anderen ſich ableiten laſſen, und ſie
gaben
mir für meine Claſſification einen neuen Schlüſſel an
die
Hand, den man ganz füglich an die Stelle des bereits
angewandten
ſetzen könnte.
Von dieſen beiden Schlüſſeln
4531 ſcheint mir der erſtere philoſophiſcher und fruchtbarer an
neuen
Anwendungen und Ableitungen;
er iſt wohl auch
tauglicher
, meine Eintheilung dem Gedächtniß einzuprägen;
der andere aber ſcheint mir practiſcher und leichter zu faſſen,
und
wird auch deßhalb einer größeren Zahl von Leſern beſſer
zuſagen
.
Aber höchſt merkwürdig iſt es mir, daß zwei ſo
ganz
verſchiedene Mittel darin zuſammentreffen, die Abthei-
lungen
und Unterabtheilungen des menſchlichen Wiſſens
ganz
in derſelben Ordnung zu reproduciren, wie ſie ſchon
vorher
unabhängig von dem einen, wie von dem anderen,
gebildet
worden waren.
Dieſe Uebereinſtimmung iſt meines
Erachtens
der ſchlagendſte Beweis, daß die Eintheilungen
in
der eigenſten Natur unſeres Denkens begründet ſind.

Als
ich den zweiten Schlüſſel entdeckte, war der Druck mei-
nes
Werks ſchon zu weit vorgerückt, als daß ich noch, der
Reihe
nach, alle Anwendungen hätte beifügen können;
um
jedoch
den Leſer in dieſer Beziehung zufrieden zu ſtellen,
habe
ich mich entſchloſſen, am Ende des Werks einen Anhang
zu
geben, in welchem ich alles, was darüber zu wiſſen nö-
thig
iſt, nachholen werde.
Buſatz Ampère’s zu ſeinem Eintheilungsprincip.
Es wurde oben in einer Anmerkung davon geſprochen,
daß
die vier Geſichtspunkte, welche die Grundlage der Am-
père’ſchen
Eintheilung bilden, vier Gattungen von Begriffen
entſprechen
, welche, angewandt auf die Erſcheinungen der
äußeren
und inneren Welt in ihren verſchiedenen Combi-
1
11Da der Tod Ampère an der Herausgabe des zweiten Theils ver-
hinderte
, ſo entbehren wir auch den oben verſprochenen Anhang;
ich
ließ aber das Obige ſtehen, weil es den Gang des Verfaſſers
von
einer intereſſanten Seite ſehen läßt.
4632 nationen, den Urſprung aller Thatſachen des Bewußtſeins
geben
.
Da es von Intereſſe iſt, die umfaſſende Bedeutung,
welche
Ampère ſelbſt ſeinen Geſichtspunkten zuſchreibt, ken-
nen
zu lernen, ſo folgt hier der weſentliche Inhalt einer
Vorleſung
, die er im Collège de France über den genannten
Gegenſtand
gehalten hat.
Die menſchlichen Gedanken beſtehen nach Ampère aus
Anſchauungen
und Begriffen.
Unter Anſchauung verſteht
er
1) Alles, was wir empfindend von außen in uns auf-
nehmen
, die Sinneseindrücke, ferner die Nachbilder, welche
auch
dann noch fortdauern, wenn die Umſtände, durch welche
wir
die Eindrücke erhielten, aufgehört haben, und endlich
diejenige
Anſchauung, welche durch Vereinigung einer un-
mittelbar
gegenwärtigen Sinnesempfindung und des Nach-
bildes
einer ſchon früher dageweſenen gleichen Empfindung
in
uns erzeugt werden.
Dieſe Vereinigung nennt Ampère
„Concretion
.
2) Alles, was in das Bewußtſein unſerer
eigenen
Thätigkeit fällt, zunächſt das Gefühl eben dieſer
Selbſtthätigkeit
, welches er Emeſtheſe (ἐμ{οῦ}, ἀίσθησις)
nennt
, dann die Spur dieſes Gefühls, welche unſer Ge-
dächtniß
aufbewahrt, von ihm Automneſtie (ἀυτὸς, μνῆ-
στις
) genannt, und endlich diejenige Selbſtanſchauung, welche
durch
Vereinigung einer wirklichen Emeſtheſe und der in
unſerem
Gedächtniß aufbewahrten Spuren früherer Eme-
ſtheſen
entſteht, eine Vereinigung, welche offenbar unſer em-
piriſches
Selbſtbewußtſein ausmacht.
Daraus ergibt ſich
der
Unterſchied, den er zwiſchen den ſinnlichen Anſchauun-
gen
und den von ihm ſogenannten Anſchauungen der in-
neren
Selbſtthätigkeit macht.
Bei den Begriffen unterſcheidet er vier Arten: I. die
urſprünglichen Begriffe, welche von den Vorſtellungen
unzertrennlich
und in gewiſſer Art die Formen ſind, unter
denen
wir ſie vollziehen müſſen, wie Raum und Bewegung
für
die ſinnlichen Vorſtellungen, Zeit und Urſächlichkeit für
die
Vorſtellungen der Selbſtthätigkeit.
4733
II. Die objectiven Begriffe beſtehen hinſichtlich der
ſinnlichen
Vorſtellungen in dem Begriff der Materie und
der
Atome, aus welchen letztere zuſammengeſetzt iſt;
hin-
ſichtlich
der Vorſtellungen der geiſtigen Selbſtthätigkeit, in
dem
Begriff von der Subſtanz, welche unſeren Körper be-
wegt
, und der Träger unſeres Denkens und Wollens iſt,
die
wir zuerſt an uns ſelbſt erkennen, und dann auch, um
der
Analogie willen in Anderen unſeres Gleichen, und am
Ende
in allen belebten Weſen annehmen.
(Ampère bemerkt
dabei
, daß der erſte Begriff, den wir von dieſer Subſtanz
haben
, das Ergebniß unſerer Fähigkeit iſt, unſern Körper
ſelbſtthätig
zu bewegen, und daß dieſes auch der Grund ſei,
warum
ſie in faſt allen Sprachen den metaphoriſchen Namen
Hauch
oder Wind bekommen habe, was nichts anderes be-
deute
, als unſichtbare bewegende Urſache.
Daher komme es
auch
, warum im Anfange der menſchlichen Geſellſchaft die
Menſchen
überall das Daſein einer Seele angenommen ha-
ben
, wo ſie Bewegungen ohne augenfällige Urſachen be-
merkten
, warum Iupiter den Donner gerollt, Apollo den
Sonnenwagen
geführt, Aeolus die Winde entfeſſelt, und
Dryaden
die Bäume haben wachſen laſſen.)
Dieſe beiden erſten Arten von Begriffen ſind unab-
hängig
von der Sprache, und es iſt klar, daß dieſes große
Mittel
für die Entwicklung des Denkens nicht eher ins Le-
ben
treten kann, als bis das Kind in den umgebenden Per-
ſonen
ebenfalls eine bewegende, denkende und wollende Sub-
ſtanz
vorausſetzt, gleich der, welche es in ſich ſelber fühlt;
und nur der Sprache wiederum verdanken wir die beiden
anderen
Arten von Begriffen, zu denen wir jetzt übergehen.
III. Zuerſt kommen die Begriffe, welche das Kind durch
ſeine
Anſtrengungen, die Sprache der Eltern zu verſtehen,
erhält
.
In Betreff der ſinnlichen Vorſtellungen ſind dieß die
von
Ampère ſogenannten comparativen Begriffe, welche
man
ſonſt die allgemeinen Vorſtellungen nennt.
Hört das
4834 Kind ein und daſſelbe Beiwort, z. B. roth, verſchiedenen
Gegenſtänden
beilegen, einer Blume, einem Kleidungsſtoff,
einer
von der Abendſonne beleuchteten Wolke, ſo wird die
Begierde
, den Sinn des Worts zu verſtehen, das Kind nö-
thigen
, die verſchiedenen Gegenſtände zu vergleichen, und es
wird
auf dieſe Art das Gemeinſchaftliche derſelben erkennen.
Dieſe Thätigkeit nun, durch welche es die genannte Aehn-
lichkeit
auffaßt, läßt in ſeinem Gedächtniß die allgemeine
Vorſtellung
„roth”, welche ſich an den Wortlaut knüpft.

Ebenſo
ſucht es den Sinn der Worte zu faſſen, wenn es
die
Worte gleich, größer, kleiner, doppelt, vier-
fach
u. ſ. w
.
ſagen hört, und bekommt ſo die Vorſtellungen,
welche
Ampère mathematiſche nennt.
Andere Begriffe derſelben Art beziehen ſich auf die
Vorſtellungen
der Selbſtthätigkeit.
So ſucht das Kind,
wenn
es die Worte empfinden, wünſchen, urthei-
len
, wollen
hört, das Gemeinſchaftliche in den Zuſtänden
oder
Thätigkeiten des Geiſtes aufzufinden, welche es mit
demſelben
Namen benennen hört, und daraus entſpringen die
Begriffe
, welche mehrere Pſychologen ſehr richtig reflexive
Ideen
genannt haben, wobei das Wort Reflexion in
dem
Locke’ſchen Sinn zu nehmen iſt.
Ebenſo verhält es
ſich
mit den Begriffen über geſellſchaftliche Verhältniſſe, über
gut und böſe, über Pflicht u.
ſ. w.
Es iſt zweckmäßig, dieſe verſchiedenen Arten von Be-
griffen
, welche in eine und dieſelbe Periode fallen, unter
einem
gemeinſchaftlichen Namen zuſammenzufaſſen.
Ono-
matiſche
Begriffe, d.
h. Begriffe, die ſich auf Worte und
Namen
beziehen, ſcheint der angemeſſenſte Ausdruck dafür
zu
ſein.
IV. Die vierte Art von Begriffen endlich ſind die er-
klärenden
Begriffe, mittelſt deren wir nach dem verglei-
chenden
Studium der Erſcheinungen zu den letzten Urſachen
aufſteigen
.
Was uns das Gedächtniß von einem Begriff aufbe-
4935 wahrt, iſt eins mit dieſem Begriff ſelbſt. Eine ſolche Iden-
tität
findet jedoch keineswegs ſtatt zwiſchen den Empfindun-
gen
oder der Emeſtheſe einerſeits und den Nachbildern oder
der
Automneſtie andrerſeits, und es kann nur im Traume
oder
in der Narrheit geſchehen, wenn man letztere für die
erſteren
nimmt.
Bei jedem Urtheil iſt das Prädicat noth-
wendig
ein Begriff und auch das Subject immer dann,
wenn
ſich die Bejahung oder Verneinung nicht ausſchließlich
auf
eine einzelne Thatſache der inneren oder äußeren Em-
pfindung
bezieht.
Ampère macht aufmerkſam auf die Aehnlichkeit zwiſchen
dieſen
beiden Arten von Erfahrung, der ſinnlichen und der
geiſtigen
einerſeits und andrerſeits den zwei Hauptobjecten
alles
Wiſſens, der Natur und dem Geiſt, aus denen er die
erſte
Hauptabtheilung, die großen Reiche der cosmologiſchen
und
noologiſchen Wiſſenſchaften bildete.
Ebenſo auffallend
iſt
die Analogie zwiſchen den vier Arten von Begriffen, den
primitiven
, den objectiven, den onomatiſchen und den erklä-
renden
einerſeits und andrerſeits den vier Geſichtspunkten,
nach
denen jedes Reich in vier Provinzen zerfällt.
Der
erſte
Geſichtspunkt, welcher alles unmittelbare Erkennen in
ſich
begreift, entſpricht den primitiven Begriffen;
mit dem
zweiten
Geſichtspunkt, welcher das hinter der Erſcheinung
Verborgenliegende
zum Gegenſtand hat, fallen die objectiven
Begriffe
zuſammen, mittelſt deren wir theils die den Sinnes-
eindrücken
zu Grund liegende Materie, theils die bewegende,
denkende
und wollende Subſtanz auffaſſen, welche der Träger
unſerer
geiſtigen Lebensthätigkeiten iſt;
der dritte Geſichts-
punkt
vergleicht die Eigenſchaften der Körper und die That-
ſachen
des Bewußtſeins, um allgemeine Geſetze aufzuſtellen,
und
Vergleichungen ſind es auch, durch welche die onoma-
tiſchen
Begriffe zu Stand kommen;
der vierte Geſichtspunkt
endlich
gründet ſich auf das Wechſelverhältniß von Urſachen
und
Wirkungen, womit es auch die erklärenden Begriffe zu
thun
haben.
5036
Demungeachtet macht ſich zwiſchen den natürlichen Claſ-
ſificationen
des menſchlichen Wiſſens einerſeits und den That-
ſachen
des Bewußtſeins andrerſeits ein Unterſchied bemerklich.
Im erſten Fall nemlich, bei der Eintheilung der menſchlichen
Erkenntniſſe
muß man bei der in der Natur der Objecte ge-
gründeten
oberſten Unterſcheidung der zwei Reiche anfangen,
und
dann zu den Unterabtheilungen der vier Provinzen über-
gehen
, weil die Natur der Objecte, auf welche ſich, wie geſagt,
dieſe
Unterſcheidung gründet, in dieſem Fall das Hauptaugen-
m@rk
ſein muß.
Bei der Claſſification der Thatſachen des
Bewußtſeins
dagegen iſt der auf die Natur der verſchiedenen
Begriffsformen
begründete Unterſchied viel wichtiger, als der-
jenige
, welcher von der Natur der Objecte abhängt, und man
muß
demnach die Geſammtheit jener Thatſachen in genannte
vier
große Abtheilungen zerlegen, deren erſte es mit den
Vorſtellungen
und primitiven Begriffen zu thun hat;
in der
zweiten
Abtheilung kommt die Unterſuchung der objectiven
Begriffe
hinzu;
die dritte verbindet damit die auf die ono-
matiſchen
Begriffe bezüglichen Betrachtungen;
der Inhalt
der
vierten Abtheilung iſt das Weſen und die Entſtehungs-
art
der erklärenden Begriffe;
der auf den Gegenſatz von
innerer
und äußerer Wahrnehmung gegründete Unterſchied
darf
blos dazu verwendet werden, um die vier Hauptab-
theilungen
je in zwei Unterabtheilungen, in zwei Gruppen
oder
Syſteme von Thatſachen des Bewußtſeins zu trennen.

In
der That entwickeln ſich auch die inneren und äußeren
Wahrnehmungen
und die auf beide bezüglichen Begriffe ganz
parallel
und ſtehen in ſteter Wechſelbeziehung zu einander;

und
man kann ſich keine klare Vorſtellung von einem dieſer
acht
Syſteme bilden, wenn man nicht zu gleicher Zeit das
entſprechende
Syſtem erforſcht, das mit dem erſteren eine
der
vier Hauptabtheilungen macht.
Dieſe Wechſelbeziehung zwiſchen Sinnesempfindung und
geiſtiger
Selbſtthätigkeit iſt die Grundlage der Ideogenie, dem
vierten
Theil der Pſychologie, der es mit der Erforſchung
5137 des Urſprungs unſerer Begriffe und aller unſerer Erkennt-
niſſe
zu thun hat.
Ehe man an die Erörterung einer Erſcheinung unſeres
Seelenlebens
geht, muß man ſich vorher eine deutliche Vor-
ſtellung
von derſelben nach allen ihren Seiten machen.
Ampère hat dieß an andern Orten für die verſchiedenen
Begriffe
gethan, indem er bei jedem derſelben den ideogeni-
ſchen
Unterſuchungen pſychographiſche Beſtimmungen vor-
ausſchickte
.
Ampère wählt als Beiſpiel die Analyſe der ſinn-
lichen
Vorſtellungen, und wir können uns nicht enthalten,
dieſe
geiſtreiche Abſchweiſung im Nachſtehenden wiederzugeben.
Beiſatz. Unter ſinnlichen Vorſtellungen verſteht man
die
Nachbilder, welche die Empfindungen in uns zurücklaſſen, welche
wir
gehabt und auf die wir reagirt haben.
Es iſt z. B. eine That-
ſache
unſerer Selbſtbeobachtung, daß bei der Rückerinnerung an einen
früher
bewohnten Ort in unſerem Geiſt wirklich eine Vorſtellung dieſes
Orts
mit allen Formen, Farben u.
ſ. w. ſeiner Gegenſtände entſteht,
jedoch
ohne daß dieſe Nachbilder von Formen und Farben mit den Em-
pſindungen
ſelbſt eins wären;
vielmehr ſind dieß zwei von einander unter-
ſchiedene
Zuſtände.
Da im Wachſein zu gleicher Zeit die ſubjectiven
Nachbilder
neben den wirklichen Empfindungen vorkommen, ſo
kommt
während deſſelben eine Verwechslung nie vor, außer im Fall von
Hallucination
, wo die geſunden Verhältniſſe unſerer Vorſtellungen geſtört
ſind
.
Aber im Schlaf benimmt uns die Abweſenheit der wirklichen Empfin-
dungen
jedes Mittel der Vergleichung, wir nehmen die Nachbilder für
wirkliche
Empfindungen und glauben zu ſehen, was wir uns nur einbilden.
Bei der Automneſtie iſt es gerade wie mit den ſinnlichen Empfin-
bungen
, nur mit der Einſchränkung, daß im wachen Zuſtand die Autom-
neſtie
immer mit der Emeſtheſe zu einem Selbſtbewußtſein verſchmolzen
iſt
.
In den Träumen aber, bei recht tiefem Schlaf, gibt es ſo wenig
eine
Emeſtheſe als Sinnesempfindungen;
denn die Emeſtheſe entſpringt
aus
der Wirkung, welche die bewegende und denkende Subſtanz auf die
derſelben
unmittelbar unterworfenen Theile des Hirns äußert, von wo
aus
ſie ſich in den zur Fortleitung beſtimmten Nerven weiter fortpflanzt,
gerade
wie die Empfindungen das Product ſind, welches in derſelben
Subſtanz
durch Einwirkungen äußerer Urſachen auf die Sinnorgane ent-
ſteht
, wenn dieſe Einwirkungen vermittelſt der leitenden Nerven auf das
Hirn
fortgepflanzt werden.
Daraus folgt, daß die einzige Spur von
Selbſtbewußtſein
, die ſich etwa in den Träumen äußern kann, in der
5238 Vereinigung der Automneſtieen beſteht, welche mit den Emeſtheſen der
vorangegangenen
wachen Zuſtände ſich verſchmolzen haben.
Dieſe Ver-
einigung
erſcheint uns als wirkliches Selbſtbewußtſein ganz auf dieſelbe
Art
, wie wir im Schlaf die Nachbilder vergangener Empfindungen für
wirkliche
Empfindungen nehmen.
Man hat hierbei auf zweierlei zu merken: 1) wenn man, halberwacht,
ſich
durch eine Willensanſtrengung zum vollſtändigen Wachen bringen
will
, ſo kommt die Emeſtheſe in dieſer Anſtrengung von Neuem zum
Vorſchein
, um ſich für den Fall des vollſtändigen Erwachens zu behaupten;
2) das empiriſche Selbſtbewußtſein iſt nur eine von den zahlreichen Mo-
dificationen
, welche, ſeien ſie ſinnlichen Urſprungs oder von anderer Art,
in
der bewegenden und denkenden Subſtanz neben einander beſtehen kön-
nen
.
Das, wodurch es ſich weſentlich von den übrigen Erſcheinungen
des
Seelenlebens unterſcheidet, iſt, daß es nur in einer Thätigkeit dieſer
Subſtanz
ſeibſt ſeinen Urſprung hat, nicht in einer äußeren Einwirkung;

die
Emeſtheſe iſt darum auch die einzige Erſcheinung, die von Haus aus
mit
dem Begriff der Urſächlichkeit vergeſellſchaftet iſt.
Der Urſprung der ſinnlichen Vorſtellungen beruht im Allgemeinen
darauf
, daß die Empfindung nur durch die Vereinigung zweier Umſtände
zu
Stande kommen kann, nemlich eines äußeren Eindrucks auf die Sinn-
organe
, und einer Gegenwirkung gegen dieſen Eindruck, welche letztere
Ampère
einfach Gegenwirkung nennt, wenn ſie blos organiſch, ohne
Zuthun
des Willens geſchieht, und Aufmerkſamkeit, wenn ſie will-
kührlich
iſt.
In dem Nachbild beſteht der erſte Eindruck nicht mehr, und
daſſelbe
entſteht blos durch die Wiederholung der Gehirnthätigkeit, in wel-
cher
die Gegenwirkung beſteht.
Wenn eine einfache Gegenwirkung das Nachbild reproducirt,
geſchieht
dieß ganz unabhängig vom Willen, wie man es in Träumen
und
jener Art von Erinnerungen findet, die man paſſive Erinnerungen
nennen
kann.
Hat aber Aufmerkſamkeit ſtattgefunden, ſo hängt die
Hervorrufung
des Nachbildes mehr oder weniger vom Willen ab.
Um ein Veiſpiel zu geben, in welchem die beiden Hauptfälle der
paſſiven
Reproduction ſinnlicher Vorſtellungen vorkommen, wollen wir
annehmen
, es haben zwei Sinneseindrücke auf ein Mal ſtattgefunden, und
eine
und dieſelbe Gegenwirkung habe beide umfaßt;
es habe z. B. jemand
einen
Baum geſehen, an deſſen Fuß ein Thier gelagert war, und ſpäter
noch
einmal den Baum, aber ohne das Thier;
die von der erſten Gegen-
wirkung
her im Hirn entſtandene Fertigkeit wird die Urſache ſein, daß
ſtatt
der durch den Anblick des bloßen Baumes hervorgerufenen Gegen-
wirkung
in dem Hirn die Gegenwirkung wieder entſtehen wird, welche
beim
erſten Anblick gegen den Eindruck des Baums und des Thieres
zugleich
ſtattfand, und daher kommt es, daß man das ganze Nach-
5339bild des durch die beiden Gegenſtände hervorgebrachten Sinneseindrucks
hat
.
Man ſollte glauben, daß aus dieſer Empfindung des Baums
in
Verbindung mit der eben bezeichneten Gegenwirkung, die Em-
pfindung
des Baums und zwei Nachbilder, das des Baumes
und
das des Thieres, entſtehen ſollten.
Es verhält ſich jedoch anders.
Die Erfahrung zeigt, daß in dieſem Fall gewöhnlich nur zwei Vorſtellungen
Statt
haben, die Wahrnehmung des Baums und das Nachbild des Thiers,
das
durch den Anblick des Orts, den letzteres früher einnahm, wieder
auflebt
.
Dieß kommt daher, daß die Gegenwirkung gegen den wirk-
lichen
Eindruck
des Baums nicht verſchieden iſt von der wieder-
holten
Gegenwirkung
, welche die Nachbilder von Baum und
Thier
hervorbringen;
und weil es nur eine einzige Gegenwirkung iſt, ſo
verſchmelzen
auch Nachbild und Empfindung des Baums in eine einzige
Vorſtellung
.
Es iſt dieß ganz daſſelbe, wie wenn auf denſelben Punkt
der
Netzhaut zu gleicher Zeit ein Eindruck fällt, der für ſich roth, und
ein
anderer, der für ſich blau hervorbringen würde.
Da aber beide Ge-
genwirkungen
zu gleicher Zeit auf demſelben Punkt des Drgans zuſammen-
treffen
, ſo können ſie nur eine einzige Gegenwirkung erregen, aus welcher
auch
nur die einfache Empfindung von Violet hervorgeht.
Dem reproducirten Nachbild des nicht vorhandenen Thiers gibt Am-
père
den Namen Commemoration, und Concretion nennt
er
die Vorſtellung, die man in dieſem Fall durch den Baum erhält, eine
Vorſtellung
, in welcher die wirkliche Empfindung und das Nachbild einer
vergangenen
Empfindung mit einander verwachſen (concrétées) ſind.
Durch den Begriff der Concretion laſſen ſich eine Menge Erſcheinungen
erklären
.
Mittelſt derſelben kann man ſich z. B. Rechenſchaft über eine
Thatſache
geben, auf welche Ampère durch den berühmten Laplace auf-
merkſam
gemacht wurde.
Wenn man nemlich in der Dper von dem Ge-
ſange
blos die Töne hört, aber die Worte nicht verſteht, und man wirft
die
Augen auf den Tert, ſo verſteht man ſogleich dieſelben Worte, und
zwar
mit einer ſolchen Deutlichkeit, daß man ſelbſt den Accent des Schau-
ſpielers
, ob er Gasconier oder Normann u.
ſ. f. iſt, unterſcheiden kann,
während
man vorher, ſo lang man nur Töne vernahm, gar keine Ahnung
von
letzteren hatte;
und Ampère ſetzt hinzu, daß man ſich nicht etwa ſo
ausdrücken
dürfe, man wiſſe durch den Text die geſprochenen Worte, ſon-
dern
ſo, daß man ſie wirklich höre.
Dieß kommt einzig davon her,
daß
mittelſt der Commemoration und in Folge der ſeit der Erlernung des
Leſens
erworbenen Fertigkeiten, die gedruckten Buchſtaben in uns die
Nachbilder
der Worte hervorrufen, die nun mit den gerade gehörten ver-
worrenen
Tönen verwachſen (eine Concretion bilden), ſo daß wir eine
deutliche
Vorſtellung der einzelnen Silben haben, und ſelbſt den Accent
der
Sänger unterſcheiden können.
5440
So können wir, aus demſelben Grund, keine Silbe deutlich unter-
ſcheiden
, wenn wir einen Menſchen eine uns ganz unbekannte Sprache
reden
hören, während wir jedes Wort verſtehen, wenn wir mit der Sprache
vertraut
ſind, wegen der Concretion der eben vernommenen Töne mit
den
Nachbildern derſelben Töne, die wir früher ſchon oft gehört haben.
Aus dieſer Erſcheinung erklärt ſich Ampère auch die Vorſtellung
von
Erhabenheit und Vertiefungen an einem Gemälde, das doch eine ganz
ebene
mit verſchiedenen Farben bedeckte Fläche iſt, auf welcher aber der
Maler
die Abſtufungen von Licht und Schatten angebracht hat, wie ſie
ſich
bei wirklichem Beſtehen der Vertiefungen und Erhabenheiten dem
Auge
zeigen würden.
In der That ſind bei dem Menſchen durch die lange
Gemohnheit
die Vorſtellungen der Formen, welche er inſtinktmäßig an den
mit
Vorſprüngen und Vertiefungen verſehenen Gegenſtänden entdeckt hat,
aufs
engſte verbunden mit den Abſtufungen von Schatten und Licht, und
der
Anblick letzterer weckt in ihm durch Commemoration die Vorſtellung
der
Formen, welche nun mit dem unmittelbaren Eindruck verwächſt, wäh-
rend
er außerdem nur die Erſcheinung einer geſärbten Fläche ohne Vor-
ſprung
und Vertiefung gemacht haben würde.
Dieß kann man ſich
leicht
dadurch verſinnlichen, daß man auf einer ebenen Fläche in einer
beſtimmten
gegenſeitigen Lage zwei Rhomben zeichnet, deren Winkel 60°
und
120° betragen und auf gehörige Art mit einander verbunden werden,
oder
auch Parallellinien, deren Enden durch Kreisbögen verbunden ſind.
In Folge der erlangten Fertigkeiten, von denen wir ſo eben geſprochen,
ſtellt
uns die erſte dieſer Zeichnungen Würfel dar, die zweite die Falten
eines
Vorhangs.
Aber durch nichts unterſcheiden ſich im erſten Fall die
vorſpringenden
Winkel von denen, welche vertieft erſcheinen müſſen.
Nichts
zeigt
in dem zweiten Fall an, ob die Falten des Vorhangs ihre concave
oder
ihre convere Seite dem Betrachter zukehren.
Stellt man ſich nun
aber
in der erſten Zeichnung gewiſſe Winkel als vorſpringend vor, ſo
werden
dadurch die andern zu vertieften, und man faßt demgemäß auch
die
Lage der Würfel auf, und ſieht dieſelben auch ſo lang auf dieſe Art,
bis
durch eine neue Anſtrengung unſerer Einbildungskraft die Sache um-
gekehrt
und die erſteren vertieft, die letzteren vorſpringend erſcheinen.
Ebenſo verhält es ſich bei der zweiten Zeichnung, wenn man ſich die
Falten
conver denkt, ſieht man ſie auch ſo, und zwar ſo lang, bis man
ſich
die Sache auf die entgegengeſetzte Art vorſtellt.
Dieß Alles iſt nur dadurch möglich, daß man durch die willkührliche
Rückerinnerung
an die Formen ſich die Nachbilder erzeugt, mit welchen
die
Empfindungen zuſammenſließen (concretiren).
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Ampère’s natürliche Claſſification aller Uatur-
wiſſenſchaften.
Erſtes Kapitel.
Cosmologiſche Wiſſenſchaften, welche es nur mit den Begriffen
von Maas und Größe zu thun haben.
Mit dieſen Wiſſenſchaften muß, wie ſchon früher be-
merkt
wurde, die Reihe der menſchlichen Erkenntniſſe begon-
nen
werden,